In der Zwischenzeit ist es “En Vogue” – als Bank muss ich mir schon fast gezwungenermassen ein grünes Mäntelchen umlegen und meine Verantwortung gegenüber der Umwelt und den nachfolgenden Generationen betonen. Gross gespuckte Töne machen einem schon fast glauben, dass sich die Finanzindustrie vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Immer neue Fonds, immer neue Marketingideen und die breite Masse glaubt wohl schon bald das Ihr ganzes Geld nachhaltig angelegt ist.
Wir sprechen dabei von immer mehr zunehmenden Summen an nachhaltigen Finanzanlagen. Doch lassen wir uns nicht täuschen. 2021 betrug der Anteil nachhaltiger Fonds und Mandate am deutschen Gesamtfondsmarkt gerade mal 6.4%. Was ist denn mit den restlichen 93.6%? Wenn man es so direkt benennen will, sind das also doch wohl nicht nachhaltige Anlagen. 15/16 (!) der Fonds haben also zumindest keinen näheren Bezug zu Nachhaltigkeit. Man feiert die 69% Zuwachs in diesem Markt berechtigterweise, aber eigentlich sollte man mit dem Finger in die Wunde drücken und die Banken anprangern, anstatt sie zu feiern.
Mit Selbstregulation wird das sicherlich nicht funktionieren, auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird. Wenn 50 Jahre nach den “Grenzen des Wachstums” immer noch keine viel nachhaltigere Geldpolitik eingeführt wurde, wie lange soll es dann noch gehen? Wieviele Umweltkonferenzen müssen dazu noch stattfinden, bis endlich gehandelt wird. Und wie lange geht es, bis endlich einige der mehr als zweifelhaften Derivats-Produkte verboten werden?
Wo sind die verbindlichen Standards? Wo ist die Transparenz?
Ein verbindlicher Standard ist gefordert, wie ich in den Recommendations of Singapore aufzeige. Klar verbindliche Regeln, die eigentlich von Gesetzes wegen vorgeschrieben werden müssten. Sicherlich ist es gut, dass in der EU Firmen über 500 MitarbeiterInnen eine nicht-finanzielle Berichterstattungspflicht haben (was es in der Schweiz leider noch nicht gibt). Doch diese Zahlen können einfach “angepasst” werden, da ist die Kreativität der Unternehmen gross.
Eigentlich wäre es mit der heutigen Informationstechnik möglich, jede Anlage bis ins Detail nachzuverfolgen. In Plattformen wie kiva.org kann ich sogar direkt mit dem Darlehensnehmer Kontakt aufnehmen und weiss genau für was ich das Geld leihe. Warum ist diese nicht bei den nachhaltigen Fonds möglich, in die die Anlegerschaft hohe Summen investiert und eigentlich ein Recht auf volle Transparenz hätte?
Die Frage führt weiter: Müssten nicht auch die 93.6% der nicht als nachhaltig deklarierten Fonds Ihre Umweltwirkungen gesetzlich vorgeschrieben aufdecken, damit die Kunden wissen, in welch dreckige Geschäfte sie da investieren? Denn viele sind sich deswegen wohl überhaupt nicht im Klaren.
Das Geld liegt ja bei Ihrer Bank des Vertrauens, der Hausbank, dessen Direktor man schon seit Familiengenerationen kennt oder bei der regionalen Bank, die einen hervorragende Ruf als Sponsor der Vereine geniesst. Die müssen ja fair wirtschaften, so der allgemein weit verbreitet Irrglauben.
Sicherlich, die Führungsriege dieser Regionalbanken hat wohl nie einen Vorsatz, die Gelder unnachhaltig anzulegen. Sie schauen aber einfach auf die beste Rendite für Ihre Kunden, die sich zwar zunehmend mit nachhaltigen Anlagen decken, aber meist ist das nicht das erste Kriterium der Entscheidung sind.
Wissen Sie, für wen Ihr Geld arbeitet?
Geld ist Macht. “Lassen Sie Ihr Geld arbeiten” lautet die Devise – doch für wen? Diese Frage müssten sich mehr Leute stellen, denn Geld hat wohl noch mehr Macht, als wir uns das gemeinhin mit dieser einfachen Formel vorstellen. Es kann ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben, Millionen von Menschen dazu bringen, dass sie sich nicht einmal mehr die Grundnahrungsmittel mehr leisten können. Oder für das Trinkwasser Unsummen von Geld zahlen müssen. Aber das sieht man erst am Ende der Kette des Geldflusses und aus dem sicheren Europa heraus höchstens in der Form verstörender Bilder, die man am liebsten gleich wieder wegzappt.
Was denken Sie dazu? Ich würde mich auf Reaktionen im Forum freuen.