Paradiesische Gewinne. Ein Kriminal-Roman. Chris L Boya. Nicht alles ist Gold, was glänzt ... Paradiesische Gewinne. Am Abend vor der Preisverleihung an einem Nachhaltigkeitskongress wird der Preisträger, ein Geschäftsführer eines Unternehmens im Bereich nachhaltige Geldanlagen, in seinem Hotelzimmer ermordet aufgefunden. Marvin, ein am Kongress akkreditierter Journalist und Helen, eine Geschäftsfrau mit einem eigenen kleinen Beratungsunternehmen, die beide den Ermordeten schätzen, können ihre Neugierde nicht zügeln. Die Spur führt sie über Thailand, China und Malaysia nach Singapur und befördert unbequeme Wahrheiten ans Licht. Die asiatische Geschäftsstelle des Unternehmens des ermordeten Preisträgers scheint an einem riesigen Skandal beteiligt, der weltumspannende Demonstrationen auslöst. Mit Häschtäg. boykott nau. entsteht eine noch nie da gewesene Konsumentenbewegung, die die Börse in die Knie zwingt. So geraten Helen und Marvin immer mehr in den Fokus der Ereignisse und begeben sich zunehmend in Gefahr. Eine globale Bewegung. Samstag 13. September 2025. Zürich, Bahnhof. Die Stimmung in und rund um den Bahnhof Zürich war am Kochen. Die Menschen waren wütend, sie hatten genug. Genug der Lügen, genug der Täuschung. Sie hielten Hunderte Häschtäg. boykott nau. Fahnen hoch und die Logos verschiedener bekannter Unternehmen waren auf Bannern durchgestrichen. Einige verbrannten sogar die Logos der einst populären Marken… Megafone trieben die Stimmung an und am Rande interviewten Fernsehreporter vor laufender Kamera die Demonstranten. Jeanine Meier überkam ein Hochgefühl. Endlich, endlich waren die Leute aufgewacht. Rund um den Globus demonstrierten die Menschen und es waren nicht nur Tausende oder Zehntausende an jedem Ort, nein – es waren Hunderttausende in jeder grösseren Stadt, die den Unternehmen und ihren leeren Versprechungen keinen Glauben mehr schenkten. Sie schaute hoch zur Engelsfrau der Künstlerin Niki de Saint Phalle, die 15 Meter hoch über ihr in der zentralen Halle des Hauptbahnhofs Zürich schwebte. Ihre weit aufgespannten goldenen Flügel, ihre betonten Rundungen und das Herz auf einer der beiden prallen Brüste schienen zu jubilieren. Jetzt bin ich ein Teil einer, sich in atemberaubendem Tempo entwickelnden, globalen Bewegung, die endlich wirklich etwas bewegen kann, dachte sie bei sich und triumphierte innerlich. Sie war stolz auf diese Entwicklung und dass sie ein Teil davon war. Der historische Bahnhof von Zürich war nicht mehr passierbar, denn die Demonstration verstopfte nicht nur die hohe Bahnhofshalle und die Umsteigepassage am Ende des Kopf-Bahnhofs, sondern auch alle Zufahrtswege inklusive der ganzen Bahnhofstrasse und der Brücke über die Limmat. Jeanine war bereits vor einer Stunde angekommen und betrachtete erst das Geschehen, wirkte aber schon kurz danach selber beim Lärm mit, denn es war ansteckend. Schön zu spüren, dass andere die gleichen Gefühle teilen, dachte sie bei sich und blickte in die unzähligen wutentbrannten, aber auch euphorischen Gesichter rund um sie herum. Dabei streifte ihr Blick eine Szene, in der ein Reporter einen Jungen interviewte. Sie kam aus dem Staunen fast nicht mehr heraus. Denn der Teenie war ihr jüngerer Bruder Sven und den hätte sie hier nie erwartet. Alle – aber sicherlich nicht ihn… Sie hörte, wie der Reporter ihren Bruder fragte: „Was denkst du, wie kam es denn überhaupt dazu, dass sich in wenigen Tagen eine solche globale Bewegung gebildet hat, die so viele Menschen wie nie zuvor mobilisiert?“ Sie wunderte sich etwas, dass ein Reporter einem Teenager eine solche Frage stellte, doch vor allem wunderte sie, dass er ihrem kleinen Bruder eine solche Frage stellte, der doch erwiesenermassen keine Ahnung von Tuten und Blasen hat. Sie dachte zurück, denn nur vor wenigen Tagen war die Welt noch ruhig und lethargisch gewesen, wenn nicht gar apathisch. Vielleicht war es aber auch nur die Ruhe vor dem Sturm. Noch vor einer Woche war ein vergleichsweiser unbedeutender Mord an einem Preisträger die wichtigste Schlagzeile in den Medien. Dass, und wie dieser mit den aktuellen Ereignissen zusammenhängen könnte, hätte sie sich nicht mal in ihrer kühnsten Vorstellung zusammendichten können. Sie erinnerte sich und sah die Ereignisse dieser bewegten Woche wie im Zeitraffer vor ihren Augen nochmals durchziehen… Der Mord in Zürich. Freitag 5. September 2025. Rüschlikon, Schweiz, Tagungszentrum. Ein kleiner Tumult brach aus im Tagungszentrum. Die Moderatorin hatte soeben erklärt, dass der Preisträger des an diesem Abend verliehenen Nachhaltigkeitspreises in der Nacht in seinem Hotel ermordet worden sei. Leider wisse sie auch nicht mehr über die Fakten. Sie sah dabei in die Runde, als sei eine Welt in sich zusammengestürzt und sprach allen Betroffenen ihr tiefstes Beileid aus. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, wieso Pierre Thonon ermordet wurde, denn viele von uns kennen ihn als absolut integren Geschäftspartner und einige von uns, wie auch ich, wohl als guten Freund und engagierten Kämpfer für die Sache der Nachhaltigkeit“, führte sie mitfühlend aus. „Daher möchte ich nun erst eine Pause einlegen, damit sie Zeit haben, diese schockierende Nachricht zu verdauen.“ Ein Vorschlag, der im verunsicherten Publikum auf sichtbare Zustimmung stiess. Kleine Gruppen scharten sich zusammen und diskutierten die unfassbare Neuigkeit. Die kurze Meldung löste Kopfschütteln, Stirnrunzeln und Bestürzung aus. Marvin Bauer war erstaunt, denn er hatte Pierre Thonon noch vor einer Woche getroffen, um ihn zu seinem Preisgewinn zu interviewen. Stolz erzählte er mir von den neuartigen Produkten im Bereich der nachhaltigen Finanzanlagen, dachte Marvin bei sich. Dies machte Pierre zum Partner grosser, international operierender Unternehmen. Und jetzt? dachte Marvin bestürzt, das kann doch unmöglich wahr sein, da muss eine Verwechslung vorliegen. Die Hypothesen, wieso der Preisträger ermordet wurde, wurden wild gestikulierend an den Stehtischen im Foyer diskutiert - es war viel ungläubiges Kopfschütteln und fragende Gesichtsausdrücke zu erkennen. Von einem Mord waren die meisten Anwesenden noch nie so direkt betroffen gewesen. So gelang es der Moderatorin auch nach über einer Stunde Pause fast nicht, das Teilnehmerfeld wieder zusammen zu rufen. Und einige blieben auch draussen, nachdem die Türe des Plenarsaals geschlossen wurde. „Sich auf ein solches eigentlich wichtiges Thema zu konzentrieren, ist unmöglich nach dieser Mitteilung“, fand Helen Lüthi den Tränen nahe zu Marvin, der neben ihr stand. „selbst wenn es mein berufliches Hauptthema ist, für das mein inneres Feuer brennt.“ "Ich bin…", bemerkte sie sichtlich innerlich aufgewühlt, "…schockiert." Ihr Gesichtsausdruck bestätigte Ihre Worte. Helen war die Gründerin eines kleinen Winterthurer Unternehmens, das Kunden im Bereich nachhaltiger Anlagen betreute. Genau diesem Thema widmete sich die Tagung. Und genau wegen diesem Thema hätte der Ermordete heute einen Preis gewonnen. Und könnte der Grund der Tat genau in diesem Thema liegen? dachte Helen noch irritierter. Natürlich hatte auch Marvin Bauer im Moment andere Gedanken im Kopf, als dass es ihn in den Plenarsaal ziehen würde, und so war er mehr als froh, sich mit Helen ein wenig über das Ereignis auszutauschen. Er hatte noch nie einen Mord im direkten Umfeld erlebt und wusste eigentlich gar nicht, wie er mit seinen immer stärker werdenden Gefühlen umgehen sollte. Von Wut bis Resignation, von schreiender Ungerechtigkeit bis Trauer reichte die Palette. Er war froh, einem vertrauten Menschen gegenüberzustehen. Er kannte Helen schon viele Jahre und hatte sie in seiner Funktion als Journalist schon mehrere Male interviewt. Und er hatte sich auch schätzen gelernt, denn Helen war eine gewiefte und gleichzeitig attraktive Frau. Doch dafür hatte er momentan keine Augen. Wie ferngelenkt begaben sie sich gemeinsam an einen der kleinen Kaffeetische im Foyer. „Wann hast du Pierre das letzte Mal gesehen?“ Helen Lüthi sah ihn dabei mit einem erschütterten Blick an. „Gerade noch letzte Woche habe ich ihn in seiner Wohnung in Bern interviewt“, erinnerte sich Marvin, „er war voller Freude, dass er diesen wichtigen Preis entgegennehmen darf. Er strahlte förmlich vor Zufriedenheit.“ „Aber war er irgendwie anders als sonst, etwas Ungewöhnliches, das dir aufgefallen ist?? „Nein, er war wie immer - er schäumte fast über vor Kreativität und sah positiv in die Zukunft, in der er glaubte, wirklich etwas bewegen zu können“, sah Marvin ihren gemeinsamen Freund immer noch fröhlich vor Augen. „Ja, den Eindruck hatte ich auch, als ich ihn vor drei Wochen das letzte Mal bei einer Sitzung traf. Er wollte die Welt verändern und sah jetzt eine reale Chance, Erfolg zu haben. Er war überzeugt davon, dass ihm dieser Preisgewinn dazu dienen wird.“ Sie spürte förmlich noch die Energie, die er versprühte. „Den Erfolg hätten wir ihm wohl alle gegönnt. Es hätte heute Abend sicherlich ein grosses Fest gegeben nach der Preisverleihung…“, fand Marvin und hielt inne, denn das mochte er sich jetzt nicht ausmalen. Der Kaffee war glücklicherweise so stark, dass er sie beide etwas aus den trüben Gedanken weckte. Sie begannen über das Leben von Pierre zu sprechen und der daraufhin folgende Austausch von positiven Erlebnissen aus dem Leben des Verstorbenen tröstete sie etwas und stärkte sie gegenseitig. So entschlossen Sie sich nach einer halben Stunde, doch noch am Kongress teilzunehmen. Von der hintersten Sitz-Reihe schaute Marvin durch die Runde im Saal und spürte die Fassungslosigkeit vieler TeilnehmerInnen. Sie sassen da in bestuhlten Reihen und hörten sich ziemlich gedankenabwesend, teils sogar mit Tränen in den Augen den Vortrag einer Rednerin auf dem Podium an. Denn die meisten im Saal kannten den Verstorbenen persönlich und waren tief betroffen. Der Veranstalter des Kongresses, der in einem Tagungszentrum in Rüschlikon nahe Zürich stattfand, gab später am Nachmittag bekannt, dass das Gala-Essen am Abend aufgrund dieses Vorfalls abgesagt werde. Dies schien allen – natürlich auch Marvin Bauer und Helen Lüthi - mehr als angemessen, was sich leicht am zustimmenden Nicken im Tagungsraum ablesen liess. Krabi, im Nachtmarkt. Ahmed Sukarno schüttelte innerlich den Kopf. Er sass an einem improvisierten Gartentisch in den immer noch gemütlichen alten Zelten des Nachtmarktes von Krabi. Er probierte die lokalen Köstlichkeiten und dachte verschämt über die gestrige Nacht nach. Heute Morgen war er mit einem ziemlichen Kater neben einer, ihm erst seit gestern bekannten Frau erwacht. Zum Glück hatte das niemand ausser ihr und ihm bemerkt - zumindest soweit er sich erinnern konnte. Es kam ihm vor wie ein Blitz, der in ihn gefahren war, schon als er sie erblickte. Auch sie war Farmerin und im Palmöl – Bereich tätig. Sie hatte Ihre Passion. Die Farm ihres Vaters auf ökologische Weise zu betreiben. Und was sie erreicht hatte, brachte selbst Ahmed zum Staunen. Anfänglich lebte der Vater von ihr noch und schüttelte den Kopf über ihre Ideen, die seiner Ansicht nach wirr waren und die nie im Leben funktionieren würden. Da der Bruder das Leben in Bangkok vorzog, war sie die Einzige, die das Familienerbe weiterziehen konnte. Und wie sie das machte! Sie hatte ihre Ideen umgesetzt und einen Modellbetrieb, der weitherum Anerkennung genoss, geschaffen. Palmöl, Kautschuk, Kräuter und Früchte mischte sie bunt mit den angemessenen Abständen, sodass gegenseitige Synergien gebildet werden konnten …und zudem noch mehr Ertrag hervorbrachten, wie viele erst durch ihr Experiment feststellten. Ahmed konnte einiges von ihr lernen – so viel stand fest und anfangs hatte er eigentlich dabei noch primär an das Fachliche gedacht… Aber auch das Treffen heute Nachmittag hier in Krabi verstörte ihn – auf eine komplett andere Art - Er mochte ihn nicht, diesen Alain Mirsel, egal wie er es drehte und wendete. Es erinnerte ihn an die Figuren, die jeweils bei seinem Vater aufgetaucht waren mit ihren dicken Fahrzeugen und ihrer arroganten Art und Weise. Er hasste sie einfach, diese moralisch verwerflichen Typen, die eigentlich ein Leben auf diesem Planeten nicht verdienten und ihm wie Parasiten vorkamen. Dieses Exemplar hier, das er am Nachmittag im Flussrestaurant getroffen hatte oder eher treffen musste - war zwar nicht Indonesier, aber er hatte exakt die gleiche Art - und - gleichzeitig noch unheimlich viel Macht, da er Gross-Investor war. Leider unter anderem auch in meinem Projekt, dachte Ahmed bei sich, wenn ich das nur steuern könnte… Doch die Finanzierung war indirekt und er hatte nur repräsentative Pflichten, die er unmöglich aufs Spiel setzen konnte – zu viel hing daran, dass ihm viel wert war. Auch sinnierte er über den morgigen Flug nach Kuala Lumpur und dem ihm ebenfalls unangenehmen Besuch dort. Für seine Ziele musste er wahrlich viel in Kauf nehmen – aber das war es ihm wert. Am nächsten Morgen ging der Flieger, doch Ahmed wäre lieber nach Sumatra zurückgekehrt – oder vielleicht doch eher hier geblieben…? Rüschlikon, Tagungszentrum. Nach Ende des Tagungsprogramms bildeten sich im Foyer sofort verschiedene kleine Gruppen, die sich beim Apéro gemeinsam besprachen. Alle wollten vor allem vertraute Gesichter um sich sehen - das Networking, weshalb die meisten eigentlich an der Tagung teilnahmen, trat sofort in den Hintergrund. So kam es dazu, dass Helen Lüthi sich wieder zum gleichen Stehtisch begab und dort, fast schon wie abgemacht, erneut auf Marvin Bauer traf. An diesem Tisch erwartete sie auch ein weiteres vertrautes Gesicht - das von Brian Turner, dem Nachhaltigkeitsverantwortlichen der schweizerischen SIIB-Bank. Er war sonst die Fröhlichkeit in Person, die er üblicherweise auch mit seinen immer kunterbunten Krawatten betonte. Die hatte er jetzt aber abgelegt. Auch er kämpfte unübersehbar mit seinen Gefühlen. Alle drei kannten Pierre Thonon seit Jahren, nicht nur beruflich, sondern auch privat. Alle drei mochten ihn aus ganzem Herzen und alle drei spürten den Verlust schmerzhaft. Helen grüsste Brian traurig und sinnierte: „Würde er noch leben, wäre er wohl neben uns gestanden. Aber irgendwie ist er doch fast fühlbar als Geist hier an unserem Tisch oder was denkt ihr?? Eigentlich war Helen überhaupt nicht esoterisch veranlagt und wunderte sich daher ziemlich über ihre eigene Aussage. „Er wäre wohl selber überrascht, wieso er sich in dieser Situation befindet?, nahm Brian den Gedanken auf – er sah den Verstorbenen auch fast schemenhaft vor sich. Eigentlich war die Atmosphäre traumhaft, die Temperaturen immer noch sommerlich. Der Zürcher See, der sich unterhalb ihrer Terrasse erstreckte, schimmerte in blauen Farben und die Alpen waren weit entfernt sichtbar, eine wunderschöne Kulisse. Doch hatte niemand aus dem Teilnehmerfeld derzeit Augen für die Schönheit der Natur, alle waren zu geschockt. Die Diskussionen dienten vielen dazu, ihre eigentlichen Gefühle zu überdecken, und wurden umso engagierter geführt. Sie dienten aber auch dazu, dass Unfassbare zu verdrängen: Ein Mord in ihrer Mitte - an einem Menschen, den sie wirklich schätzten. Natürlich wurde auch in der kleinen Runde von Marvin, Helen und Brian als Erstes erörtert, was der Grund für diese Tat sein könnte. Denn trotz aller Trauer betraf es ja auch viele Aspekte ihres Berufslebens und sie mussten allein schon deswegen möglichst viel in Erfahrung bringen. "Pierre Thonon betrieb eigentlich nur seriöse Geschäfte", merkte Helen an und stiess auf uneingeschränkte Zustimmung, denn für alle drei war er die Ehrlichkeit in Person. Wohl alle Anwesenden hätten ihm blind einen hohen Geldbetrag anvertraut oder gar die Hand für ihn ins Feuer gehalten. Doch nach der ersten Runde an derlei und ähnlichen respektbezeugenden Meinungen und Bestätigungen der ethischen und moralischen Integrität des Ermordeten berichtete Brian von Unregelmässigkeiten bei dem letzten Green Bond. Er erläuterte nachdenklich und in einem fast etwas weinerlichen Ton: „Dieser Green Bond ist eine ökologische Anleihe an die chinesische Provinz Kunming, in die unsere Bank via Pierre investiert hatte. Der Bond umfasst nicht nur Umweltprojekte, sondern auch Projekte im Bereich der Arbeitsbedingungen und der Bildung.“ „Doch die angeforderten Unterlagen haben mich in keiner Weise überzeugt“, führte Brian aus und drückte damit auch seine damalige grosse Überraschung an der mangelhaften Arbeit von Pierres Unternehmen aus, denn das war er sich wirklich nicht gewohnt. Er versuchte das Thema trotz seiner Trauer auszuführen: „Bei dieser Anleihe handelt es sich ja auch um eine politische wichtige Angelegenheit, denn die Städte-Partnerschaft zwischen Kunming und Zürich feierte letztes Jahr bereits den 40-jährigen Geburtstag und wurde oft als Pionierleistung gewürdigt.?, dabei sah er erwartungsvoll in die kleine Runde, „umso mehr erstaunte mich, dass ich die Dokumente so unausgereift erhalten habe, kenne ich doch die sonst fast zu exakte Arbeitsweise von Pierre.“ Die beiden anderen hatten am Rande aus den Fachmedien von diesem Green Bond erfahren, doch Helen war speziell bei der Erwähnung von 'Kunming' sichtlich überrascht. Sogleich erzählte sie erregt der kleinen Runde von einem verschwundenen Auditor namens Iwan Reichle. „Der Auditor kontrollierte Unternehmen in China und ist vor einer Woche in Kunming spurlos verschwunden. Ich habe zwar keine Ahnung, in welchem Zusammenhang dies steht, doch die Verbindung mit Kunming fällt mir da sofort auf“, die Fragezeichen schienen ihr auf die Stirn geschrieben. Weitere heftige Diskussionen entbrannten in dieser kleinen Gruppe, denn alle hatten das Gefühl, dass Pierre ein solches Ende nicht verdient hatte, und fühlten sich irgendwie ohnmächtig. Sie vereinbarten, gemeinsam in die Innenstadt von Zürich essen zu gehen und sich weiter auszutauschen. Singapore, Gardens by the bay. Ihr Blick fiel auf die schwimmenden, modern und dynamisch geformten Farmen für den Salat- Kräuter- und Gemüseanbau, von denen im letzten Jahr 10 Türme im Süsswasser-Becken des Harbour Bays von Singapur gebaut wurden. Singapur war die ideale Stadt für dieses Projekt. Vor zehn Jahren wurden 93 % der Lebensmittel noch auf die städtische Halbinsel importiert. Doch dank Projekten wie diesem und weiteren agrikulturell genutzten Hochhäusern, stand Singapur heute an einem ganz anderen Punkt. Faszinierend, dachte Jennifer Mills, genau das will ich erreichen – nachhaltige Projekte, die die Welt verändern…! …und sah dabei vor ihrem inneren Auge einen auf alle Seiten verantwortlichen und naturnahen Anbau von Palmöl. Eine Vision, die sich nicht wegwischen liess - schon fast eher eine Manie, die sich unmöglich in die Schranken weisen lassen wollte. Und nun endlich schien sich ihr Traum zu erfüllen – sie hatte für Sustainable Palm Oils Ltd. einen Investor gefunden. Einen Investor notabene, der Ihre Ideale teilte... Wenn Sie gewusst hätte, dass dieser zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am Leben gewesen ist – sie wäre wohl untröstlich gewesen - doch diese Nachricht war noch nicht bis zu ihr vorgedrungen… So schwelgte sie in ihren Zukunfts-Träumen und dachte an Pierre Thonon, der ihr die vielversprechende Botschaft vor Kurzem überbrachte. Die Finanzierung des indonesischen Projektes in Sumatra war gesichert! Und damit konnte sie auch Ahmed als Geschäftsführer des indonesischen Ablegers einstellen, ein Typ, der sie tief beeindruckte – ein Kämpfer für Ideale, die von Ihr geteilt wurden. Und ein erstes Modellprojekt, wie man Palmöl ohne schädliche ökologische Folgen anbauen kann. Ein Projekt, das mehr war, als dass diese seichten FairTrade-, Ecology- und Responsibility Labels in diesem Bereich bis jetzt versprachen. Weit mehr, dachte Sie bei sich und sah sich schon als Begründerin eines neuen Labels, dass ECHTE Palmöl-Nachhaltigkeit belegte - in ALLEN Bereichen - auch dem der Korruption und der transparenten Kontrollen... Dass es das nicht schon gab, war ihr eh schon lange unverständlich, nachdem das Thema doch schon so lange im Fokus war. Doch die Mühlen im Nachhaltigkeitsbereich mahlen langsam, wie sie ja aus so vielen anderen Projekten wusste. Wenn die Bedrohung nicht unmittelbar war, bequemte sich der Mensch nicht aus seiner Position, lieber ignoriert er die Fakten, dachte sie einmal mehr und spürte den Weltschmerz, der sie in der Vergangenheit doch manchmal ereilte. Doch nun wird einiges bald besser… dachte sie zumindest. Zürich, Haupt-Kommissariat. Kommissarin Rahel Staehli hatte einen hektischen Nachmittag hinter sich. Am Mittag wurde sie an einen Tatort in ein Zürcher Hotel gerufen. Das Opfer, ein bekannter Geschäftsmann aus Bern, wurde von einer Reinigungskraft tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Sie hatte soeben gedankenversunken an ihrem Schreibtisch Platz genommen, als ihr Frank Gubler, ihr Assistent, rapportierte: „Wir haben den Security Mitarbeiter und den Nachtportier vernommen. Doch beide haben nichts gesehen und nichts gehört.“ Rahel brachte das in Zusammenhang mit ihrer Vermutung: „Die zwei präzis gezielten Schüsse aus nächster Nähe in den Kopf und das Herz des Opfers lenken doch den Verdacht auf einen professionellen Auftragskiller, daher überrascht mich das wenig.“ Sie sah die Leiche vor sich und sah den Mörder vor Ihren Augen, ein kaltblütiger und herzloser Typ, der nur auf das Geld aus war und denn das Opfer eigentlich nicht interessierte. Pierre Thonon wurde wohl im Schlaf ermordet, denn er lag im Bett und zeigte keine Spur von Gegenwehr. Der Todeszeitpunkt wurde auf 2-3 Uhr nachts geschätzt, das war das Einzige, was sie wussten. Das Opfer lebte und arbeitete in Bern, dort hatte die lokale Polizei die MitarbeiterInnen seines Unternehmens bereits ein erstes Mal vernommen. Rahel Staehli schilderte ihrem Assistenten die Informationen, die sie kurz zuvor von ihrem Amtskollegen in Bern erhalten hatte: „Die Sekretärin hat ausgesagt, dass Pierre Thonon, das Opfer, diese Woche zwei Telefonate führte, die sie erstaunt hätten. Sie habe die letzten Tage länger als normal gearbeitet, da aufgrund der Preisverleihung einige zusätzliche Anfragen gekommen seien. Beide Anrufe gingen nach der üblichen Geschäftszeit ein und ihr Arbeitgeber habe ziemlich laut ins Telefon geschrien, was es sonst nie gegeben habe. Er sei normalerweise ein sehr ruhiger Mensch gewesen, den man mit nichts aus der Fassung bringen konnte.? Rahel sah dabei kurz den knapp 50-jährigen Leichnam nochmals vor ihren Augen und informierte ihren Assistenten weiter: „Die Sekretärin habe zwar nicht verstanden, um was es ging, da die Türe geschlossen gewesen sei. Doch bei einem Telefonat habe sie das französische Wort 'qualité' gehört, dass er gleich drei Mal nacheinander lautstark ins Telefon geschrien habe und mehrfach das Wort 'merde', was in etwa mit 'verdammt' übersetzt werden kann. Beim anderen Telefon fielen die englischen Wörter 'scandal' und 'ässhoal' in von ihr gefühlten 100 dB Lautstärke. Sie habe sich über diese für ihren Chef ungewohnte Wortwahl gewundert.“ „Ansonsten haben wir bis jetzt keine weiteren Anhaltspunkte. Das Opfer war weder im Strafregister verzeichnet, noch habe ich bis jetzt irgendwelche kritischen Informationen im Internet gefunden. Es ist da zwar ausserordentlich viel über ihn zu finden, aber bis jetzt fand ich keine einzige negative Aussage über ihn?, ergänzte sie mit einem etwas irritierten Gesichtsausdruck. Viel hatten sie nicht in der Hand mit diesen Informationen, doch hoffte die Kommissarin zu erfahren, an welche Personen die Worte, die die Sekretärin belauscht hatte, gerichtet waren. Frank fasste den Auftrag, die geführten Telefonate am nächsten Tag zu prüfen. Das war aber definitiv nicht seine Lieblingsaufgabe, denn es hiess, erst eine Verfügung einzuholen, einigen Leuten mit zusätzlichen Aufgaben auf den Geist zu gehen, dann unzählige Telefonnummern zu prüfen und die vielen möglichen, nicht auf den ersten Blick offensichtlichen Verbindungen zum Opfer zu überprüfen. Viel Fleissarbeit, die aus seiner persönlichen Erfahrung meist uninteressant war. Winterthur-Wülflingen, Schweiz, Quartierkiosk. Ida Meier hatte wie jeden Freitag Besuch von Emma, einer ihrer besten Freundinnen. „Wie immer, pünktlich auf die Minute“, begrüsste Ida sie mit einer Umarmung. Sie kam immer eine halbe Stunde vor Kioskschluss zu ihr, um mit ihr einen Kaffee zu trinken. Denn Ida's Kiosk hatte zwei kleine Tische unter einem grossen Sonnenschirm und vor allem eine hervorragende Kaffeemaschine. Beide waren in der Zwischenzeit etwas mollig, doch Emma fand treffend dazu: „In unserem Alter dürfen wir das Leben doch auch etwas geniessen, denn wir sind ja schliesslich über fünfzig.“ Auch wenn dieses Alter - ehrlicherweise gesagt - bei beiden erst seit diesem Jahr zutraf. Doch bei beiden übertraf die Herzlichkeit ihr Alter und so waren sie beide auch beliebte Gesprächspartnerinnen im Freundeskreis. Sie waren schon gemeinsam zur Schule gegangen und seit dieser Zeit die besten Freundinnen, was sie immer wieder betonten. An manchen Freitagen begaben sie sich, nach Arbeitsschluss von Ida, gemeinsam ins Gartenrestaurant um die Ecke, um ein Glas Wein trinken. So auch heute. Der angenehme Garten mit dem grossen Schatten spendenden Baum lag im Quartierzentrum von Wülflingen. Zehn Tische scharte sich um den altehrwürdigen Baum, der wohl schon so vieles in seinem Leben gesehen hatte. „Ist wie immer nur wenig los hier, Wülflingen entwickelt sich ja immer mehr zum Schlafquartier“, stellte Emma mit einem Blick in das gähnend leere Garten-Restaurant fest. Wülflingen ist ein ehemaliges kleines Bauerndorf vor den Toren der Stadt Winterthur, das aufgrund der Autobahnnähe wuchs und sich so zu einem Quartier der Stadt entwickelte hatte. Viele der Bewohner arbeiteten entweder in Zürich oder in Winterthur, und so war Ida's Kiosk neben dem Dorfladen, der Bäckerei und eben diesem Restaurant einer der wenigen Quartiertreffpunkte. Ida gab ihre Standard-Antwort, denn die Bemerkung hörte sie oft: „Ist ja auch kein Wunder, die Nähe zum Zentrum Zürich, der Autobahn und dem Flughafen führt dazu, dass die meisten auswärts arbeiten und in Wülflingen nur übernachten. Und den Einkauf erledigen sie in den grossen, am Weg gelegenen Einkaufszentren, wo sie einfach parken können. Ein echtes Schlafdorf ist Wülflingen geworden, die meisten der Bewohner kennen wohl nicht mal den Namen des Quartiers…“ enervierte sich Ida bei einem ihrer Lieblingsthemen. Die Bevölkerungsstruktur hatte sich sehr verändert in den letzten Jahren. Die Wohnungen der verstorbenen älteren Menschen des Quartiers wurden zunehmend von ausländischen Familien gemietet und die Sprachenvielfalt im Quartier nahm zu. Natürlich gefiel dies nicht allen Einwohnern und so zogen sich auch viele aus dem öffentlichen Leben zurück, was Ida mehr als bedauerte. Kurzum – es war selten wirklich etwas los an diesem Ort. Wenn sie gewusst hätten, wie schnell sich das ändern würde, wären sie wohl schon voller Vorfreude gewesen. Ida und Emma diskutierten meistens über ihre Familien und manchmal auch über die Ereignisse des Tages, die auf den Titelseiten in Ida's Kiosk standen. Die heutige Abendausgabe der Boulevard-Zeitung schmückte sich mit dem Bild eines attraktiv aussehenden Mitt-Vierzigers und dem Titel "Preisträger in der Finanzbranche ermordet". Eine andere Zeitung titelte "Rätselhafter Mord kurz vor Preisverleihung". Emma hatte die Artikel ebenfalls schon gelesen und kommentierte sie mit einem genervten Blick: „Die heutige Finanzwelt ist aus den Fugen geraten. Mein Mann hat lange in der Bank gearbeitet, doch was er sich noch kurz vor seiner Pension anhören musste, ist zu viel für ihn gewesen.“ Einst ein respektierter Vertrauensträger, dem seine Kunden ähnlich einem Arzt aufs Wort glaubten, sei er in der Wahrnehmung einiger Kunden und der Öffentlichkeit auf einmal zum Abzocker mutiert. Einer, der profitsüchtig den Menschen das Geld aus der Tasche ziehe. „Dies hat ihm das Herz gebrochen, denn er wollte nur das Beste für seine Kunden“, hielt Emma einmal mehr überzeugt und energisch, aber auch frustriert fest. Kurz nach der Pensionierung ist er verstorben, und Emma gibt der Finanzwelt die Schuld dafür. „Da siehst du, wie weit es kommt, wenn Menschen skrupellos den Profit maximieren wollen“, wetterte sie. Das Feindbild war so klar, dass Ida's Argument von Emma nicht toleriert wurde. Ida versuchte sie nur darauf aufmerksam zu machen, dass es sich ja um nachhaltige Anlagen gehandelt habe und dass der Profit dabei ja nicht im Zentrum stehen sollte. Wobei Ida ehrlicherweise auch gar nicht wusste, was denn genau nachhaltig in diesem Bezug heissen sollte. Es tönte ihrer Ansicht nach einfach gut und moralisch vertretbar. Es schien gar ein Ideal in der unbarmherzigen Geschäftswelt für Sie. Und Sie dachte dabei auch an Ihren Mann, der in ebendieser herzlosen Welt seine Brötchen verdiente. Emma lief daraufhin aber zur Hochform auf und ereiferte sich: „Nachhaltig oder nicht nachhaltig – heute sind in dieser Branche nur noch Gangster, da siehst du es ja mal wieder.“ Ihr toter Mann hätte sie da wahrscheinlich kopfnickend bestätigt und einmal mehr erfasste Ida der Schmerz der Einsamkeit und des Verlustes ihres geliebten Ehegatten. Da half auch das anschliessende zweite Glas Wein im Dorfrestaurant nichts. Und auch das dritte danach bei ihr daheim half nicht wirklich weiter… Zürich, Schweiz, Niederdorf. In der S-Bahn von Rüschlikon nach Zürich stiess Judith Vonlanthen, Präsidentin eines österreichischen Branchenverbandes für nachhaltige Geldanlagen zum Trio Marvin, Helen und Brian dazu. Wie alle anderen kannte auch sie Pierre Thonon schon lange, war aber weniger überrascht über die bisherigen Informationen, denn sie hörte von einer angeblich dubiosen Partnerfirma von Pierre in Thailand. „Es wird schon lange gemunkelt, dass bei der Careful Investment Gruppe (so der Name der Firma von Pierre) in Asien etwas nicht stimmt“, wusste sie zu berichten. Allerdings sah sie dabei aber auch keinen Bezug zu einem Mord und fand diesen Zusammenhang sehr unwahrscheinlich. „Schliesslich arbeiten wir ja nicht im Wilden Westen, die gefährlichen Haie sind ja eigentlich nur bei den klassischen Finanzmärkten zu Hause“, stellte sie fest. Die kleine Gruppe rund um Marvin spazierte gemeinsam ins Niederdorf, einer Ausgehmeile, die früher mal eher die Rotlichtmeile von Zürich war, heute jedoch als absolut hip gilt. Entlang des Flusses namens Limmat erstreckte sich das Gebiet bis fast zum Zürcher See und war vor allem an Wochenenden mehr als beliebt. Nicht wenige Touristen aus aller Welt tummelten sich in den idyllischen Gässchen, Geschäftsleute verbrachten da den gemütlichen Teil ihrer Besprechungen und Studenten trafen sich an ihren Trendplätzen, von denen es einige gab. Überall war nach draussen getischt und kaum ein Platz war frei. Die Atmosphäre war entspannt, denn der Himmel war immer noch wolkenfrei und trotz des langsam beginnenden Herbstes war es noch angenehm warm in den Gassen. Die kleine Gruppe schlenderte durch die Strassen und entspannte sich dabei etwas. Marvin musterte seine alten Freunde, er hatte sie schon eine Zeit nicht mehr gesehen. Brian Turner wirkte, wie immer, wie aus dem Ei gepellt. Etwas untersetzt geformt, fiel er mit seiner im Ansatz befindlichen Glatze und dem roten Bart überall auf, auch wenn er jetzt seine bunte Krawatte abgelegt hatte. Sein etwas schräger Stil machte ihn zum allseits beliebten Arbeitskollegen, einer mit dem man Pferde stehlen kann. Marvin wusste aber auch, dass er gleichzeitig überall sehr respektiert war, denn seine Meinung floss in "seiner" Bank auf höchster Ebene ein, da sie immer fundiert war und er sie auch gut präsentieren konnte. Man sah ihm nicht an, dass er in zwei Jahren fünfzig werden würde, doch alle wussten, dass sich Brian bereits jetzt vor diesem unverrückbaren Ereignis "fürchtete", wie er das selber bezeichnete. Helen Lüthi war, wie gewohnt, chic gekleidet mit einem Händchen für ausgewählte, dezente Kleidungs- und Schmuckstücke. Als erfolgreiche Anlageberaterin hatte sie bei den Kunden Vertrauen zu erwecken und sie unterstrich ihre Seriosität durch ihre Kleidung. Natürlich musste alles aus FairTrade-Handel und biologisch hergestellt sein, da war sie extrem penibel, wie Marvin wusste. Mit ihren 53 Jahren sieht sie noch attraktiver aus als früher, dachte sich Marvin. Sie hatte eine sagenhafte Wirkung auf die Menschen, die ihr begegneten. Ihre Energie und ihr Engagement waren stark spürbar und erzeugten Respekt. Sie fand es auch nicht nötig, ihre ersten grauen Strähnen zu färben, was ihr einen selbstbewussten Eindruck verlieh. Judith Vonlanthen, die vierte im Bunde, brillierte wie immer mit den neuesten Modetrends, denn sie war der Ansicht, dass sie so nachhaltige, faire Mode fördern konnte. Wichtig war ihr bei der Kleidung auch, dass sie mit ihren gewohnt progressiven Ansichten nicht gleich in die linke Ecke gestellt wurde, denn das gefiel ihr gar nicht. Dem hing auch nach Jahrzehnten immer noch das Birkenschuh-Image nach. Und das waren definitiv die letzten Assoziationen, die Judith wecken wollte. Viel Gerede um nichts, das war genau nicht ihr Ding, sie baute auf Fakten, auf denen sie in ihrer Funktion als Verbandspräsidentin auch immer wieder pochte. Mit 55 Jahren war sie auch die Älteste der Gruppe, obwohl bei ihr überraschenderweise noch kaum graue Haare sichtbar waren. Ihre gepflegten langen braunen Haare liess sie immer offen, was manchmal – so dachte zumindest Marvin – nicht ganz passend war. Sie wirkte überzeugender mit zusammengebunden Haaren. Marvin kam sich neben seinen drei Freunden völlig underdressed vor, denn er hatte eine Allergie gegen Krawatten und teure Anzüge, die nach seiner Ansicht alle überflüssig waren und die Konsumgesellschaft förderten. Wie gewohnt erschien er in schwarzen Jeans und einem gepflegten Hemd, ergänzt durch eine hochwertig gefertigte Lederjacke für die kälteren Abendzeiten. Er fühlte sich in dieser Kleidung viel wohler und er wollte damit auch wahrgenommen werden als das, was er war – ein Journalist und kein Geschäftsmann. Er war mit 45 bereits der Jüngste der Gruppe, was ihn etwas irritierte, denn er war sich junge Leute gewohnt. In einem Fondue-Restaurant fanden sie dann den idealen Platz, um miteinander zu sprechen. Bekanntlich isst man ja bei der Schweizer Nationalspeise sprichwörtlich aus einem Topf und so kamen sie sich noch etwas näher. Der Brauch, dass im Käse verlorene Brotstücke zuvor definierte lustige Konsequenzen zur Folge hatten, erheiterte die Runde etwas. In einer Skihütte hätten sie vielleicht nackt um die Hütte rennen müssen oder aus dem obersten Stock in den Schnee springen. Doch heute wurden diese Regeln nur zur Ablenkung diskutiert, was allen recht war. Den Rahmen wussten alle nach dieser heftigen Nachricht zu schätzen. Der kleine Tisch mit einer verzierten hölzernen Eckbank auf drei Seiten formte eine heimelige, gemütliche Nische, die sie jetzt brauchen konnten und die für sie alle schon fast wie ein Schutz wirkte. Nachdem sie bestellt hatten, fragte Marvin in die Runde: „Wann habt denn ihr Pierre zum letzten Mal gesehen?“ Brian, der rechts von Marvin sass und sich angesprochen fühlte, meldete sich als erster zu Wort: „Er hat gerade noch letzten Freitag bei uns in der Bank an einer Sitzung teilgenommen. Es ging um ein paar Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien in Tunesien. Danach tranken wir natürlich noch wie immer ein Bier am See. Er war bei bester Laune und wir haben viel gelacht. Ich kann kaum glauben, dass er so aus dem Leben geschieden ist.“ Er sah vor sich noch den Tisch im Restaurant unter den Bäumen am See, an dem sie sich getroffen hatten. Helen nickte mitfühlend und zustimmend und erzählte von ihrer letzten Begegnung mit Pierre: „Bei mir sind es drei Wochen her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe. In seinem Berner Büro haben wir über eine mögliche Zusammenarbeit bei der Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen gesprochen.“ Dass diese Zusammenarbeit jetzt wohl nicht mehr stattfinden würde, wurde ihr in diesem Moment wie ein Stich schmerzlich klar. Nachdem Marvin von seinem Interview erzählt und sich dabei des Verlustes noch einmal schmerzlich bewusst wurde, waren alle Blicke auf Judith fixiert. Sie dachte nochmals kurz nach und dann berichtete dann, sichtlich irritiert: „Er war vor zwei Wochen in Wien und er hat wie jedes Mal angerufen, ob ich Zeit für einen Kaffee habe. Ich habe ihn dann direkt konfrontiert mit diesen Gerüchten aus Asien, die ich Euch erzählt habe. Das war ihm irgendwie unbehaglich und er wollte davon ablenken.“ Judith sah die Fragezeichen in den Blicken der anderen und setzte fort: „Auf meine nähere Nachfrage murmelte er irgendwie etwas von einem anscheinend unfähigen Geschäftsführer und schüttelte besorgt den Kopf. So habe ich ihn noch nie erlebt. Mehr dazu war dann aber aus ihm nicht herauszubringen. Wenn ich gewusst hätte, was soeben passiert ist, hätte ich nicht locker gelassen.“ Bis in den späten Abend diskutieren sie intensiv weiter, was wohl der Grund für eine solche Bluttat sein könnte. Vor allem aber trauerten sie gemeinsam um den geliebten verlorenen Menschen. Alle waren mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs, der in der ganzen Schweiz hervorragend funktioniert und am Wochenende Züge rund um die Uhr anbietet. Daher konnten sie sich auch ein paar Gläser Wein genehmigen und zunehmend wechselte das Thema auch zu anderen Seiten des Lebens. So sass Marvin später im Hotelzimmer an der Limmat und sinnierte bei einem abschliessenden Gin Tonic über die verschiedenen Geschichten, die er heute gehört hatte. Eigentlich überraschten ihn die diversen Unregelmässigkeiten, hatte er Pierre doch als seriösen und engagierten Menschen eingeschätzt. Doch vielleicht muss ich meine Meinung ändern, vielleicht ist etwas dran an diesen Geschichten, rätselte er, obwohl er dass irgendwie nicht glauben konnte. Neugierig wie er von Natur aus war, wusste er jetzt schon, dass er das nicht einfach beiseitelegen konnte. Denn seine Neugier war eine Obsession, die ihn auch schon einige Male in unangenehme Situationen gebracht hatte. Und die er manchmal einfach nicht im Griff hatte. Sie setzte sich über sämtliche logische Argumentationen hinweg. So beschloss er, auf dem Heimweg einen kleinen Abstecher zu machen. Denn er lebte nicht weit weg von dem, von Judith angesprochenen, asiatischen Firmensitz des Unternehmens von Pierre Thonon. Eine "kleine" Erpressung. Samstag, 6. September 2025. Kuala Lumpur, Malaysia, Petronas Towers. Ahmed Sukarno war wütend, ausser sich vor Ärger. Vor zwei Tagen hatte er die Abrechnung der Qualitätsaudits in seinem Unternehmen in Sumatra, Indonesien erhalten. Eine Summe stand auf der Rechnung, die gut und gerne das Vierfache des üblichen Tarifs ausmachte. Normalerweise war Ahmed eigentlich kaum aus der Ruhe zu bringen, doch nervten ihn Ungerechtigkeiten und diese Rechnung war definitiv ein Ausnützen der Situation. Denn ihr grösster Investor, den er gestern in Krabi getroffen hatte, hatte ihn unmissverständlich darauf hingewiesen, dass die Qualitätssicherung von diesem Unternehmen in Kuala Lumpur durchgeführt werden muss. Ungerechtigkeiten beschäftigten Ahmed Sukarno schon seit seiner Kindheit. Als Sohn eines Palmöl-Farmers aufgewachsen fand er es demütigend, wie die Käufer des Palmöls seinen Vater jeweils behandelten. Von einem Tag auf den anderen kamen sie und senkten ohne Vorankündigung den versprochenen Kaufpreis oder das versprochene Abnahmevolumen. Auf dem Weltmarkt herrsche ein grosser Preisdruck, behaupteten sie jeweils. Das erfuhr er aber erst viel später. Er nahm nur wahr, dass sein Vater nach jedem Treffen mit diesen Männern, die aus Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens stammten, sehr betrübt war und bei seiner Mutter nahm er jeweils grosse Sorgenfalten auf der Stirn wahr. Er begriff nie, wieso diese Männer wegen dem Geld so viele Probleme bereiteten, während die meisten irgendwelche Luxus-Limousinen fuhren. So packte ihn die Neugier und im Alter von 16 Jahren bot sich ihm zum ersten Mal die Möglichkeit, auf das Internet zuzugreifen und da den Weltmarkt-Preis und die Entwicklung selber zu erfahren. Und was er da las, machte ihn so wütend, ähnlich wütend wie er eben heute auch war. Er traf den australischen Geschäftsführer des Qualitätssicherungsunternehmens in seinem Büro unterhalb der Petronas Towers, den einst grössten Hochhäusern der Welt. Kyle Fisher – so sein Name - war ihm von Beginn weg unsympathisch gewesen. Da Ahmed aber sowieso einen geschäftlichen Termin in Kuala Lumpur hatte, wollte er ihn persönlich zur Rede stellen. Er schmiss die Rechnung auf den Tisch und fragte barsch: „Was soll das? Sie wissen doch genau, was ein Audit üblicherweise kostet, oder? Wieso senden sie mir eine derart überhöhte Rechnung??. Kyle Fisher schaute ihn verständnislos an: „Das sind unsere üblichen Kosten, wir haben überdurchschnittlich gut ausgebildete Fachleute und wollen damit den Investoren die Sicherheit geben, dass die geforderten Qualitätsansprüche auch wirklich erfüllt werden. Das kostet eben Geld.? „So ein Quatsch?, Ahmed schaute seinen Gesprächspartner ernst an, „selbst wenn sie Universitätsprofessoren angestellt hätten, wären die Kosten noch viel zu hoch. Mir kommt der Verdacht, dass hier ein abgekartetes Spiel gespielt wird. Wieso schreibt mir sonst der Investor vor, dass ich nur sie als Qualitätsprüfungs-Unternehmen engagieren darf?? Kyle lächelte und konterte: „Weil der Investor eben weiss, dass auf unser Urteil Verlass ist und er diese Sicherheit benötigt. Qualität hat seinen Preis, wie sie wohl selber wissen. Zudem sollten sie sich nicht aufregen, denn sie haben beim Audit ja hervorragend abgeschnitten.? „Darum geht es hier aber nicht, es geht darum, dass sie astronomische Preise verrechnen, die keinesfalls zu rechtfertigen sind?, fand Ahmed kämpferisch, „wenn sie diese Rechnung nicht reduzieren, werde ich den Investor informieren." „Das können sie gerne versuchen, doch er kennt unsere Preise und wäre wohl über eine solche Aktion wenig erfreut?, entgegnete Kyle Fisher. „Dann macht das für mich den Eindruck, dass sie beide wohl unter derselben Decke stecken. Warten sie nur ab, dann werde ich diese Information in den relevanten Fachmagazinen veröffentlichen?, drohte Ahmed angriffslustig. „Was wollen Sie den veröffentlichen? Der Betrag, den wir für das Audit ausweisen, ist branchenüblich. Die anderen drei Viertel der Rechnung sind deklariert als 'QS-Beratung' und das sind ebensolche Gespräche, die wir hier führen.? „Von denen hat es aber keine weitere gegeben, dass wissen sie genau?, schnaubte Ahmed, „und sie können diese Gespräche auch nicht belegen. Was glauben sie, wem die Medien mehr vertrauen? Also entweder geben sie mir eine andere Rechnung oder ich gehe an die Öffentlichkeit damit.? „Das werden sie sicherlich nicht tun, davon bin ich überzeugt?, bemerkte Kyle Fisher erneut mit einem Lächeln im Gesicht, das Ahmed noch wütender machte. „Da kennen sie mich aber schlecht, ich habe gute Beziehungen zu Journalisten aus den Fachmedien.? „Eigentlich wollte ich das nicht ins Spiel bringen, denn ich habe an Ihre Vernunft geglaubt. Doch haben wir für diesen Fall vorgesorgt.? Kyle Fisher nahm sein Mobiltelefon und startete ein Video: „Denn sonst müssten wir diesen kleinen, netten Film veröffentlichen.? Ahmed traute seinen Augen nicht. Der Film zeigte ihn im Bett mit einer Frau, die nicht seine Ehefrau war. Ein Ausrutscher vor zwei Jahren nach dem Konsum von viel zu viel Alkohol, wie die leeren Flaschen neben dem Bett zeigten. Ehebruch und Alkohol – zwei Delikte, die nach dem gültigen Sharia-Recht in seiner Heimat äusserst hart bestraft werden. „Ich denke, dieser lustbetonte Streifen wird sie wohl davon abbringen, irgendetwas an der falschen Stelle auszuplaudern.? Kyle Fisher gab ihm die Rechnung zurück und deutete wortlos, nur mit einer abschätzigen Kopfbewegung auf die Tür. Ahmed spürte nur Verachtung und dachte bei sich, dass er das schon bald bereuen würde, doch sagte kein Wort zu ihm. Zürich, Kriminal-Kommissariat. Kommissarin Rahel Staehli rieb sich die Augen. Sie war müde nach der gestrigen Nacht, in der sie nicht viel geschlafen hatte. Der Mord an dem Nachhaltigkeits-Preisträger kurz vor der Preisverleihung hatte ein grosses Echo in den Medien ausgelöst. Der Druck von oben, diesen Fall schnell aufzulösen, war gross und sie musste in einer Stunde den Reportern Auskunft geben. Doch was sollte sie sagen? Das sie keinerlei Spur hätten? Dass der Täter einem Geist glich? Sie hatten weder Einbruchsspuren an der Tür des Hotelzimmers noch irgendwelche Fingerabdrücke im Zimmer gefunden. Das Smartphone und der Laptop von Pierre Thonon, die er gemäss der Auskunft seiner Sekretärin dabeigehabt hatte, waren verschwunden. Und die Videoaufzeichnung des Hotels zeigte nach dem Einchecken von Herrn Thonon keinerlei Bewegungen bis zum nächsten Morgen, abgesehen von den Rundgängen des Security Mitarbeiters. Doch diese Informationen hatte Rahel Staehli schon an der Pressekonferenz gestern Abend bekannt gegeben. Die einzige interessante Information, die sie hatten, waren die aussergewöhnlichen Telefonate. Doch die Abklärungen ihres Assistenten Frank Gubler ergaben leider, dass beide Telefonate nicht rückverfolgt werden konnten. Sie sass erschöpft in einer Kurzbesprechung mit ihrem Team und hoffte doch noch etwas zu erfahren, was sie der Presse präsentieren könnte. Irgendwie fühlte sie sich ausgelaugt. Während der Besprechung rief sie ihr Berner Amtskollege Andreas Matter an und teilte ihr wenig überraschend mit: „Die Untersuchung der Büroräumlichkeiten sowie der Wohnung des Opfers haben bis jetzt nichts Neues zu Tag gebracht. Alle wichtigen Unterlagen befinden sich jetzt auf unserem Kriminal-Kommissariat in Bern, wir haben sie gestern am Firmensitz der Careful Investment Gruppe sichergestellt und sind sie nun eingehend am Prüfen.“ Rahel wusste, dass der Sitz des Unternehmens im Zentrum der idyllischen und als UNESCO Weltkulturerbe deklarierten Berner Altstadt lag, in der Nähe des bekannten Zytglogge-Turms, einem Wahrzeichen der Stadt und nicht weit vom Bundeshaus, dem Sitz von Parlament und Regierung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Als Rahel fertig telefoniert hatte, setzte Frank, ihr Assistent, die Teambesprechung fort: „Die Befragung des Kongressveranstalters und der Preisjury haben ebenfalls keine Verdachtsmomente ergeben. Alle beschrieben das Opfer als integer, zuvorkommend und äusserst engagiert in seiner Sache. Keiner hatte auch nur den kleinsten Hinweis auf ein mögliches Motiv für den Mord liefern können.“ „Die Prüfung des privaten Umfelds brachte ebenfalls keine weiteren Erkenntnisse“, informierte Rahel etwas ratlos die kleine Runde, „Die Eltern sind bereits vor 15 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen und seine einzige Schwester ist ein Jahr später an Krebs gestorben. Und Andreas Matter, unser Mann in Bern, hat mir gerade mitgeteilt, dass er gemäss seiner Nachbarin nie Besuch erhalten habe. Auch im Büro wusste niemand von einem einzigen Freund ausserhalb seines beruflichen Umfelds.“ Sie berichtete noch weiter vom vorherigen Telefon: „Die Sekretärin hatte, gemäss Matter, den Eindruck, dass er nach dem Tod seiner Schwester komplett in die Arbeit geflüchtet ist und oft nach einem langen Arbeitstag in seinem Büro schlief, obwohl seine Wohnung ja gleich die Tür nebenan lag. 16 Stunden-Arbeitstage auch am Wochenende seien die Regel gewesen. Er habe dabei aber immer fröhlich gewirkt, denn er sei begeistert davon gewesen, dass seine Arbeit sichtbare Spuren hinterliess.“ So wenigstens sei der Eindruck seiner Mitarbeiterinnen gewesen. In diesem Moment meldete sich Andreas Matter erneut telefonisch: „Die Sekretärin hat mich gerade angerufen. Ihr ist eingefallen, dass es in dieser Woche noch eine weitere Unregelmässigkeit gab. Am Dienstag habe sie ihr Chef gebeten, am gleichen Abend einen Tisch für zwei Personen in seinem Lieblingslokal zu reservieren. Dies sei ungewöhnlich gewesen, da er mit Kunden und Geschäftspartnern aus Prinzip immer nur zum Mittagessen abmachte. Sie habe ihn deshalb noch geneckt, da sie dachte, er habe endlich mal ein Rendezvous mit einer Frau. Doch seine Reaktion liess durchblicken, dass wohl kein angenehmes Treffen zu erwarten sei.“ Er ergänzte, dass er bereits einen Kollegen in das Restaurant gesandt habe, um mehr dazu herauszufinden. Die Reporter fragten Rahel Staehli bei der anschliessenden Pressekonferenz ein Loch in den Bauch, doch sie flüchtete sich immer wieder in den bekannten Satz: „Dazu kann ich bei dem jetzigen Stand der Ermittlungen keine Auskunft geben.“ Irgendwie nervten Rahel all die stupiden Fragen der Journalisten, doch sie wusste auch, dass sie diese nicht gegen sich aufbringen mochte, denn der Fall war zu heikel. Interessant wurde für sie die eigentlich zermürbende Fragestunde erst, als sie Udo Leitner, Reporter des Zürcher Anzeigers fragte, was es mit der dubiosen Geschäftsbeziehung nach Thailand auf sich habe. Davon hatte sie noch nichts gehört und ging daher sofort nach der Pressekonferenz im Foyer auf den Journalisten zu und fragte ihn nach der Quelle dieser Information. Udo Leitner berichtete ihr, etwas überrascht, dass sie noch nichts von diesen Unregelmässigkeiten gehört hatte: „Das hat mir gerade eben ein Berufskollege erzählt, ein freischaffender Journalist, der ebenfalls schon für die ZA Media Gruppe geschrieben hat. Dieser fliegt heute nach Thailand und wird die Sache dort vor Ort etwas unter die Lupe nehmen. Mehr kann ich ihnen dazu nicht verraten.“ „Ich werde sie informieren, sobald er etwas gefunden hat“, versprach er, verlangte aber, dass er zeitnah auf dem aktuellen Stand der Ermittlungen gehalten werde. Kommissarin Rahel Staehli hatte diese Art der "Verhandlung" mit Reportern zwar satt, doch war es derzeit der einzige Strohhalm. Zürich - Bangkok, im Flugzeug. Marvin Bauer musste zur Check-out Zeit um zwölf raus aus dem Hotelzimmer, auch wenn sein Kopf da eigentlich gar nicht so einverstanden war. Denn es war nicht beim "abschliessenden" Gin Tonic geblieben, Marvin hatte die halbe Nacht über den Fall nachgedacht und war anscheinend etwas durstig, wohl etwas zu durstig gewesen. Daher benötigte er am Morgen erst ein Aspirin, um in die Gänge zu kommen. Eigentlich hasste Marvin Medikamente, doch manchmal gab es Situationen, in denen man über seine Grundsätze mal "ausnahmsweise" hinwegsehen konnte und sein Verstand war eh noch am Schlafen. Glücklicherweise war der Flughafen am frühen Samstagnachmittag fast leer, denn kein Feiertag war in Sicht, die Sommerferien vorbei und die Herbstferien standen erst bevor. Der komplette Self-Check-In war bei mehr als der Hälfte der Fluglinien inzwischen Alltag. Darunter befand sich glücklicherweise auch seine Linie. Daher musste er auch mit niemandem sprechen, selbst nicht mal mit den Zöllnern, was er heute zu schätzen wusste. Seine Destination war Bangkok, Thailand, denn er lebte schon seit ein paar Jahren auf der nicht so weit entfernten Insel Koh Mak im Golf von Thailand. Nach einer ziemlichen Lebenskrise hatte ihm diese neue Heimat einen Neustart ermöglicht und er schaute wieder positiv in die Zukunft. Klar – es war nicht immer einfach, selbstständig zu arbeiten, doch hatte er in der Zwischenzeit ein so grosses Kontaktnetz, dass er immer wieder zu Aufträgen kam. Meist ging es um Aufträge im Bereich Story Telling für nachhaltig orientierte Marken. Dies war zwar nicht der Lieblingsjob von Marvin, aber er brauchte das Geld. Seltener kriegte er mal einen Auftrag für einen Artikel oder eine Reportage, doch liebte er diese Arbeit. Und manchmal schrieb er selber Artikel, die er dann vor allem an die Tageszeitungen zu verkaufen versuchte. Dazu brauchte es aber einen wirklich guten Aufhänger, damit sich die Leserschaft dafür interessierte. Irgendwie scheint es, dass der Fall Pierre durchaus einen solchen Aufhänger bietet, sagt ihm seine innere Stimme – und sein Gefühl trog ihn eher selten. Im Flug nach Bangkok setze sich Marvin detaillierter mit den Geschäften auseinander, welche Pierre Thonon tätigte. Er las die Jahresberichte und Analysen der wichtigsten Produkte, die Pierre in seiner 'Careful Investment Gruppe' anbot. Zum Glück verfügte seine neue Lieblingsfluglinie seit Kurzem über ein Hochgeschwindigkeits-Internet und zusammen mit dem schmackhaften kulinarischen Angebot und dem freundlichen Service ergab sich eine gute Arbeitsatmosphäre. Er schaute sich an, in welche Geschäfte Pierre genau investiert hatte. Auf der Homepage des Unternehmens fand Marvin das Versprechen gegenüber den Kunden, das "ohne Ausnahme nur in konsequent verantwortungsbewusste Unternehmen investiert wird." "Ziel ist es, einem glücklichen Kunden die Sicherheit zu geben, sein Geld richtig investiert zu haben", las er weiter auf der Seite. Der Claim, der Spruch unter dem Logo der Careful Investment Gruppe lautete: "Money, that changes the world", wobei das erste 'o' als Smiley gestaltet war und das zweite 'o' schon fast etwas anbiedernd als Globus. Den Satz fand Marvin zwar etwas abgegriffen, aber zutreffend für das Angebot, das er (zumindest bis jetzt) kannte. Er las, dass die Careful Investment Gruppe ihren Hauptsitz in Bern hatte und das es drei Ableger gab, einen in Nairobi (Kenia), einen in Medellín (Kolumbien) und einen in Railay (Thailand). Der Sitz in Thailand war als letzte Geschäftsstelle dazu gekommen. Eigentlich sehnte sich Marvin zurück in seine neue Wahlheimat Koh Mak, denn die Sache ging ihm an die Nieren und er brauchte Ruhe. Doch hatte er sich ja gestern Abend kurzfristig entschlossen, den Geschäftsführer von Pierres Partnerfirma in Railay zu besuchen. Das war ihm wichtig, denn er fühlte, dass er es Pierre gegenüber irgendwie schuldig war, da genau hinzuschauen, auch wenn er nicht mehr unter den Lebenden weilte. Der Hauptsitz der Gruppe liegt in Railay in der Provinz Krabi im Süden Thailands. Die Halbinsel liegt an der Andamanen-Küste und war für Marvin nur ein kurzer zusätzlicher Einstunden-Flug. Eigentlich verabscheute er innerlich das Fliegen und stufte es moralisch als nur bedingt vertretbar ein, doch dieses Mal war es einfach notwendig. Ganz nebenbei ermöglicht es mir ja auch den Besuch meiner Lieblingsinsel Koh Kah, freute er sich. Die Insel lag 20 km südlich von Krabi und er wollte dies eh schon lange wieder mal besuchen, um dort seine Freunde zu treffen. So bereitete er ziemlich übermüdet seinen Besuch und seine Fragen an den Geschäftsführer vor. Eine suspekte Stiftung. Sonntag, 7. September 2025. Singapur, Büro Sustainable Palm Oil Inc. Ahmed Sukarno, der Geschäftsführer der indonesischen Firma namens 'Sustainable Palm Oil Indonesia' hatte gestern nach dem unangenehmen Treffen mit Kyle Fisher sofort Jennifer Mills angerufen, die ihn vor kurzem für den indonesischen Geschäftssitz eingestellt hatte. Der Hauptsitz der 'Sustainable Palm Oil Singapore' befand sich im Finanzviertel von Singapur, in einem der Hochhäuser des dicht gebauten Viertels. Trotz des Sonntags nahm sich Jennifer Mills Zeit für ein Treffen, denn sie hatte sowieso noch einige Arbeit auf ihrem Stapel in ihrem Büro. Kaum war Ahmed abgesessen, fragte er Jennifer direkt: „Wieso hat der Investor vorgeschrieben, dass dieses malaysische Unternehmen unsere Qualität prüft?? Jennifer Mills runzelte die Stirn, denn sie war überrascht von der Frage: „Wieso, ist etwas falsch damit? Wir haben ja die besten Bewertungen erhalten, oder?? „Das stimmt schon, ich habe aber einfach ein ungutes Gefühl bei diesem Kyle Fisher?, untertrieb Ahmed etwas. Dabei vermied er jedoch etwas von seinem Konflikt mit dem Australier zu erzählen, denn er hatte Angst, dass das Video seinen Ruf zerstören könnte. Ganz zu schweigen von der körperlichen Strafe, die das Bekanntwerden seines Fehltrittes nach sich ziehen würde. „Alain Mirsel, der asiatische Vertreter unseres Hauptinvestors, hat mich eindringlich gebeten, dieses Unternehmen für die Audits zu wählen. Aufgrund seiner diesbezüglichen Ausdrucksweise hatte ich das Gefühl, es sei besser diesem Wunsch Folge zu leisten. Und das Audit verlief ja auch erfolgreich …? Jennifer verstand nicht ganz, wieso Ahmed ein derlei schlechtes Gefühl hatte. Ahmed sah ein, dass er da wohl nicht viel machen könnte, ohne ein Risiko einzugehen, und machte eine etwas zerknitterte Miene. Jennifer Mills wurde dabei aber an ein anderes Gefühl erinnert, dass sie bis jetzt nicht wegschieben konnte. Es betraf Alain Mirsels anderen "eindringlich" formulierten Wunsch bereits bei den Anstellungsgesprächen. Irgendwie fand sie es passend, diesen Eindruck an diesem Punkt einzubringen, denn sie vertraute ihrem indonesischen Geschäftsführer mehr als Alain Mirsel. Schon nach kurzer Zeit war sie von seiner absoluten Ehrlichkeit überzeugt gewesen und schätzte seine offene Direktheit. „Wenn ich ehrlich bin, hatte ich bei einem anderen Punkt ein komisches Gefühl. Alain Mirsel bestand darauf, dass wir im Sinne einer sogenannten 'Corporate Social Responsibility' (oder kurz CSR) Massnahme 20 % des Gewinnes unseres Unternehmens in einen Pool, eine Stiftung hier in Kuala Lumpur einzahlen 'müssen'. Er betonte, dass es sich dabei um die Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft handle und das diese Gelder für sozial verantwortliche Projekte in Südostasien eingesetzt werden.? „Und was ist dabei dein ungutes Gefühl?? Ahmed witterte eine Fährte, denn auch dieser Alain Mirsel war ihm, gelinde gesagt, nicht sonderlich sympathisch. „Komisch dabei finde ich, dass die Leiterin dieses 'Responsible Pools', wie gesagt einer Stiftung nach malaysischem Recht, mir nur ein einziges Projekt nennen konnte, in das dieser Pool investiert. Dabei handelt es sich um ein Projekt in einem abgelegenen Gebiet in Myanmar, dass so weit abseits der üblichen Routen liegt, dass da wohl kaum jemand einen persönlichen Besuch abstatten wird?, erinnerte sich Jennifer zurück an ihr einziges Treffen, „Zudem machte mir die Leiterin, eine Chinesin namens Li-Ming Zhang, irgendwie einen etwas suspekten Eindruck. Hast Du schon jemals etwas von diesem Pool gehört?? Ahmed verneinte, aber fragte unmittelbar nach dem Namen des Projektes, denn jetzt war sein Spürsinn erwacht. „Es ist ein Projekt am Indawgyi See im Norden Myanmars, den Namen habe ich nicht mehr präsent. Sie listete zwar auch viele andere Projekte auf, die dieser Pool in Zukunft finanzieren soll, doch von keinem einzigen Projekt habe ich vorher je etwas gehört. Und ich habe den Eindruck, dass ich eigentlich über viele Nachhaltigkeitsprojekte in Südostasien informiert bin.? Jennifer sah Ahmed dabei an, als hätte sich das Fragezeichen auf ihrer Stirn manifestiert. Zürich, Zürichberg. Brian Turner hatte schlechte Laune. Ihn beschäftigte der Mord an Pierre. Seine Frau Rita versuchte, ihn etwas abzulenken, doch sie war damit wenig erfolgreich. Rita - eine Schweizerin, die er, als aus London zu gezogener Engländer, vor 25 Jahren kennengelernt hatte und in die er sich damals spontan verliebt hatte, war immer noch die Liebe seines Lebens. Zusammen mit ihr hatte er zwei Kinder Matthew und Sascha. Matthew war bereits ausgezogen und so lebten sie noch zu dritt in der alten Villa am Zürichberg, die sie sich vor 15 Jahren gekauft hatten und die Brian möglichst umweltverträglich renoviert hatte. Als Brian am Gartentisch beim Schwimm-Teich sass und die Sonntagszeitungen las, stiess Sascha zu ihm. Er hatte bereits von seiner Mutter gehört, dass heute mit seinem Vater nicht gut Kirschen essen sei, und war neugierig, warum dem so war. „Man könnte meinen, dir sei gestern gekündigt worden“, neckte er seinen Vater, „Warum hast du eine solche Sch…laune?“ Sein Vater liess die Zeitung etwas sinken und deutete auf die Schlagzeile der anderen auf dem Tisch liegenden Zeitung. „Darum“, meinte er wortkarg. Sascha las den Artikel und wunderte sich: „Was hat denn dieser Mord mit dir zu tun?“ Er wusste zwar, dass sein Vater im Bereich Nachhaltigkeit bei einer Bank arbeitete, aber was dies genau umfasste, wusste er nicht. „Erstens kannte ich Pierre Thonon gut. Ich kenne ihn schon seit meiner Zeit an der Universität St. Gallen und schätzte ihn“, führte Brian aus, „Zweitens war ich vorgestern auf dieser Tagung, auf der er am Abend eigentlich hätte einen Preis entgegennehmen können und drittens hat meine Bank auf mein Anraten hin einige Gelder in seinen Produkten angelegt.“ Sascha war zwanzig und der einzige in der Familie, mit dem Brian über seinen Beruf reden konnte, weil auch er an der Umweltthematik interessiert war. Darum hatte Sascha nach der Ausbildung vor Kurzem selber seine Arbeit bei einer umweltbewussten Wärmepumpen-Firma gestartet. Er dachte nach und fand: „Das du persönlich betroffen bist, verstehe ich natürlich, aber wieso machst du dir denn solche Sorgen?“ „Tja, wenn ich das nur selber wüsste – ich habe einfach irgendwie den Eindruck, dass der Mord mit seinen Geschäften zu tun hatte, auch wenn ich dies irgendwie nicht glauben mag.“ Brian sah seinen Sohn besorgt an: „Sollte dies der Fall sein, könnte das massive Probleme für mich persönlich ergeben, denn ich habe ihn intern wärmstens empfohlen.“ Glücklicherweise wusste er noch nicht, wie nahe er mit dieser Vermutung lag, denn dann wäre er wohl kaum noch am Tisch sitzen geblieben. Doch jetzt mochte er sich dieses Szenario nicht ausdenken und fand: „Lassen wir das jetzt, ich mag eigentlich nicht darüber reden.“ Sascha verstand. Wenn sein Vater schlechte Laune hatte, wich er oft den Gesprächen aus. Wortlos genoss Sascha die Aussicht über den Zürcher See und die Stadt. Sein Vater vertiefte sich wieder in die Lektüre der Zeitungen. Krabi, Thailand, Flughafen. Bereits im Anflug auf Krabi sah Marvin Bauer seine Lieblingsinsel, doch hatte diese jetzt natürlich keine Priorität. Denn der Firmensitz von Pierres Partnerfirma befand sich in Railay, was ihn doch etwas erstaunte. Als Erstes rief er nach der Ankunft Helen Lüthi an und schilderte ihr seine Gedanken: „Railay ist bekannt für Kletterer und die wunderschönen aus dem Boden schiessenden Felsen. Bekannt ist Railay auch für das rege Nachtleben, das viele junge Menschen anzieht. Doch irgendwie passt kein Wirtschaftsunternehmen in diese Atmosphäre. Auch ist Railay eine Halbinsel, die nur über den Wasserweg von Krabi aus zugänglich ist. Ziemlich unpraktisch für einen Geschäftssitz.? „Aber das ist doch die offizielle Geschäftsadresse, die überall verzeichnet ist, oder?“, fragte Helen etwas verwundert zurück. „Ja, doch hier gibt es eigentlich nur drei Strände. Einer davon, an dem die Boote mit den Touristen ankommen, ist vollgepumpt mit Bars und Pubs und in der Saison hört man fast jeden Abend irgendwo Livemusik. Der zweite ist ein Badestrand mit weissem Sand und Palmen. Und am dritten liegt die Höhle der kultmässig verehrten Penisse - eine weitere, etwas obskure Attraktion – eine Höhle vollgefüllt mit Objekten des Phallus-Kultes.“ Marvin dachte in diesem Moment zurück, als diese Höhle zu einem erotischen One-Night-Stand führte. Irgendwie hatte sie eine erotisierende Wirkung auf seine damalige Begleiterin und diese musste die Darstellungen in dieser Höhle am Abend in Fleisch und Blut geniessen. Und er genoss die Leidenschaft, mit der sie zur Tat schritt… Davon erzählte er natürlich aber Helen nichts, sondern beschrieb, dass zwischen diesen Stränden nur sandige Pfade verlaufen und dass genau da die Adresse des Unternehmens verzeichnet ist. „Irgendwie komisch, das ist doch kein Platz für eine Firma“, schloss er seine Mutmassung ab. Helen berichtete ihm von den Artikeln in den Sonntagszeitungen, die sie vor sich liegen hatte: „Die Polizei scheint noch keine Spur zu haben, alle berichten von einem mysteriösen Mord, doch irgendwie kann sich niemand auch nur einen Reim darauf machen.“ „Bin ja gespannt, was du vor Ort herausfindest“, ergänzte sie, das Thema für den Moment abschliessend. Dann beschrieb sie ihm schon fast etwas sadistisch ihr Frühstück in allen erdenklichen Superlativen, sodass Marvin das Wasser im Maul zusammenlief. Denn Marvin wusste, dass Käse, Salami und Zopf (ein schweizerisches Sonntagsbrot) wohl eine längere Zeit nicht auf seiner Speiseliste standen. Natürlich war es heute nicht mehr möglich, nach Railay zu gelangen, da die letzte reguläre Fähre schon abgefahren war und die Bootsmänner in Krabi unrealistische Preise für die Privatfahrt aufriefen. So buchte er sich lieber in das Town House Hotel ein und genoss den Rest des Tages in Krabi. Direkt neben dem immer noch netten Nachtmarkt gelegen und betrieben von einer wirklich ausserordentlich gutherzigen muslimischen Familie, bildete das Hotel für ihn eine ideale Basis für das "Nachtleben" von Krabi, wenn man es dann als solches bezeichnen könnte. Es war Nebensaison und die meisten Restaurants für Ausländer waren entweder geschlossen, leer oder mit nur wenigen Expats bestückt. Die gleichen Gesichter, wie schon vor vielen Jahren - registrierte er bei sich und war irgendwo schon fast beruhigt, dass sich hier wenigsten nur wenig verändert in einer hektischen Zeit, in der es in der Welt drunter und drüber ging. Winterthur-Wülflingen, Mietwohnung. Der Sonntag war wie üblich gemütlich verlaufen. Peter Meier, ein typisch traditionsbewusster Schweizer Buchhalter, genoss es, den Sonntag daheim zu verbringen. So konnte er ausschlafen und dann den Tag um 11 Uhr mit einem Brunch gemeinsam mit seiner Familie zu starten. Auch wenn die 4 ½ Zimmer Mietwohnung in einem vierstöckigen Wohnblock mit weiteren 7 Wohnungen nicht das Gelbe vom Ei war, so war sie doch seine Heimat und er benötigte eigentlich auch nicht mehr als seine Ruhe. Doch am Nachmittag war es vorbei mit dieser Ruhe. Als er das Sonntagsblatt las, stockte ihm fast der Atem. Die Meldung "Keine Spur – Polizei steht vor einem Rätsel" fesselte seine Aufmerksamkeit, denn der Name des Ermordeten kam ihm leider allzu vertraut vor. Er hatte die letzten zwei Tage keine Zeit gehabt, die Tageszeitungen zu studieren, wie er das üblicherweise nach der Mittagspause machte und las erst jetzt über den Mord. Nur mit Mühe konnte er seine Aufregung vor seiner Frau und seinen beiden Kindern, die ebenfalls im Wohnzimmer sassen, verbergen. Doch Ida, seine Frau die den lokalen Kiosk in Winterthur-Wülflingen führte, hatte für jegliche Veränderungen eine wache Wahrnehmung und fragte gleich, was denn passiert sei. Peter versuchte gelassen zu antworten und fand: „Wie kann in der heutigen Zeit noch ein Mord begangen werden, ohne dass es Beweise geben soll? Das ist doch gar nicht mehr möglich…“ Bei sich dachte er aber, dass dem wohl so gut sei, denn sonst könnte allenfalls auch er Probleme bekommen. Unauffällig drückte er eine Taste an seinem Smartphone, sodass drei Minuten später ein Telefon seines "Arbeitgebers" einging. „Nimm nicht ab“, drohte seine Frau, doch er hatte bereits abgenommen und hörte die vertraute Stimme seines Treuhänders, der ihn dazu aufforderte, "sofort" nach Zürich zu kommen, denn er habe einige Fragen zur Buchhaltung, zu denen er heute absolut dringend Auskunft brauche. „Nicht schon wieder“, begehrte seine Frau auf und verfluchte den neuen Arbeitgeber ihres Mannes. Sie hatte sich auf einen gemütlichen Sonntag auf dem Balkon ihrer Wohnung im 2. Stock eines Miethauses gefreut. Denn am Sonntag hatte sie frei und dies war eigentlich der einzige Tag der Woche, an dem sie ein paar Stunden mit "ihrem" Peter verbringen konnte. „Dies ist schon seit Jahren Tradition und beim vorherigen Arbeitgeber von dir hatte es solche sonntäglichen Störungen nicht gegeben“, versuchte sie ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Die Entschuldigung, dass er an der neuen Stelle 40 % mehr Gehalt habe, galt für sie nicht als Grund – wäre er doch lieber bei der vorherigen Stelle geblieben. Sie wollte eigentlich nur die Zeit mit ihm und ihren beiden Kindern Jeanine, die soeben zwanzig geworden war und Sven ihrem 18-jährigen Bruder geniessen. Denn sonntags waren die beiden eigentlich immer zuhause, nachdem sie die Nacht davor meist durchgefeiert hatten. „Heute wäre zudem ein wunderschön sonniger Frühherbst-Tag, um auf dem Balkon zu grillieren. Ich habe mich eigentlich schon auf eine Bratwurst und einen Cervelat (die schweizerische "National-Wurst") gefreut“, hakte sie nach. Doch daraus wurde wieder einmal nichts und Ida hasste den neuen Arbeitgeber ihres Mannes dafür. Wenn sie gehört hätte, wer dieser Arbeitgeber wirklich war, hätte sie es wohl nicht geglaubt. Peter Meier eilte aus der Wohnung, drückte seiner Frau einen flüchtigen Abschiedskuss auf die Stirn und machte sich auf nach Zürich, sein Büro befand sich am dortigen Technopark. Krabi, im Zentrum. Marvin Bauer machte einen Spaziergang entlang des Flusses in der verschlafenen Provinzhauptstadt und besuchte den Nachtmarkt am Pier. Da gab es immer noch thailändische Köstlichkeiten zu unschlagbaren Preisen und eine nette Atmosphäre. Das emsige Treiben rund um die etwa hundert Tische und vielleicht zehn verschiedenen Anbieter von Essen und Getränken war nicht abhängig von Touristen, denn dieser Markt wurde vor allem von Einheimischen frequentiert. Eine Gelegenheit für ihn seine paar Brocken Thai, die er vor langer Zeit gelernt hatte, aufzufrischen. Und wie immer hatten die Thais unendlich Freude, dass er versuchte, in ihrer Sprache zu bestellen. Damit signalisierte er gleichzeitig Respekt vor der Kultur und dem Land. Beim Essen dachte Marvin an den ermordeten Pierre. An der Universität in St. Gallen hatte er ihn kennengelernt und sie hatten sich an manchen Treffen der OIKIS, dem nachhaltigen Studentenbund, getroffen und über die Welt philosophiert. Als Pierre anschliessend ein Praktikum am IÖÖ, dem Institut für Ökologie und Ökonomie der Universität startete, war er voll naiver Enthusiasmus. Sie trafen sich in der Folge öfter im Café Gschwind, ihrem Lieblingsort, um über Gott, die Welt und insbesondere das Finanzsystem zu philosophieren. Das Café, in der St. Galler Altstadt gelegen, war eine Institution für sich. Ein Treffpunkt vieler alternativ denkender Menschen seit Jahrzehnten. Marvin fielen viele der Gespräche wieder ein. Pierre mokierte sich damals über die Leerverkäufe und die CDS, eine Art Kreditausfallversicherung, die er als Brandschutzversicherung auf Nachbars Haus bezeichnete und die für ihn die kranke Wirtschaft symbolisierten. Oder über die Spekulationen mit Lebensmittelaktien, die er als Massenmord bezeichnete. Gerne hätte er ihn jetzt hier in Krabi gehabt und mit ihm die Zeit hier genossen. Er hätte die Kleinstadt gemocht, denn sie war ein friedlicher Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Knapp die Mehrheit der Bewohnerschaft des Ortes bildeten die buddhistischen Thais. Obwohl – wirklich buddhistisch waren die wenigsten, sie besuchten die Tempel nur selten, ähnlich den Christen in Europa. Die Geschäfte der Stadt hingegen waren dominiert von Chinesen der zweiten, dritten oder vierten Generation. Die wussten, wie überall auf der Welt, wie der Handel funktioniert. Die dritte Bevölkerungsgruppe bildeten die Muslime, die an den Küsten und auf den Inseln lebten. Diese waren aber nicht so radikal wie die Muslime ganz im Süden Thailands, sondern hier eigentlich sehr gut integriert. Und letztendlich waren die hier lebenden Ausländer aus westlichen Nationen die vierte Bevölkerungsgruppe. Nach dem schmackhaften Essen am Markt schlenderte Marvin durch den Ort. Die Enjoy Bar, in der er früher viele Konzerte und Jam Sessions gesehen hatte, war immer noch einen Besuch wert und tröstete ihn etwas über den Verlust eines wertvollen Menschen wie Pierre hinweg. Aber auch da dachte er zurück an die gemeinsamen Zeiten. Pierre war Verfechter des Vollgelds, das nach ihm die ganzen Blasen verunmöglichen würden und das den Markt hin zu den realen Werten korrigieren würde. Darüber konnte er stundenlang referieren. Und eines seiner "Lieblingskinder" war die Kreditkartenblase, die es damals noch gar nicht gegeben hatte. Nach dem Konkurs von Bosscard, den Pierre als einer der Ersten voraussah, hatte diese Blase dann 2024 tatsächlich beinahe die Börse in den freien Fall gebracht. So manche seiner Prognosen sind in der Zwischenzeit eingetroffen. Der Fall interessierte Marvin umso mehr und so konnte er diese Nacht kaum schlafen. Zürich, Gerta-Areal. Nach einer weiteren, fast schlaflosen Nacht und einem ergebnislosen Tag gönnte sich Kommissarin Rahel Staehli ausnahmsweise ein Bier im "Frau Gertas Garten". Dies war eher selten, denn eigentlich verabscheute sie den Alkohol, der in ihrer Kindheit das Familienleben kaputtgemacht hatte. Doch heute gönnte sie sich mal eine Abwechslung - vielleicht kam sie so auf neue Gedanken im Fall Pierre Thonon. Der farbige Stadtgarten der fiktiven Frau Gerta vereint Gastro-Angebote, kreative Bars, Kunst und eine Gärtnerei sowie alternative Läden. Der Ort ist seit langen Jahren ein Treffpunkt der Hipster, auch wenn es heute am Sonntag, wenig überraschend, eher ruhig war. Am Stammtisch, wie sie einen der klassischen Festtisch-Garnituren, benannte, wurde sie gleich auch mit: „Hallo Rahel, schön dich wieder mal zu sehen“, empfangen. Keiner fragte nach ihrem Job, denn über Arbeit wurde hier nicht gesprochen, das war ein Tabu in dieser Gemeinschaft. Hier fühlte sie sich immer wohl. Schon seit Jahren konnte sie hier abschalten und jungen, engagierten Menschen begegnen. Hier war sie nicht die Kommissarin, sondern ein Teil der Gemeinschaft. Dies war aber auch der einzige Platz, an dem sie gelegentlich hinging, denn sonst sah man sie ausserhalb ihrer Wohnung privat nur im Sportdress beim Joggen. Dementsprechend durchtrainiert war auch ihr Körper, sodass sie viele mit Lara Croft verglichen und sie damit aufzogen. Heute konnte sie nicht einfach die Gedanken abstellen, denn so ein Fall war ihr bis jetzt nicht begegnet. Nach nun über 40 Stunden Tatortabklärung, Spurensicherung und Umfeldanalyse hatten sie nach wie vor keinen einzigen Anhaltspunkt ausser den beiden Telefonaten, die sie aber nicht rückverfolgen konnten. Das gab es in ihrer bisherigen Laufbahn bei der Kriminalpolizei noch nie. Wie sollte sie nun weitermachen? Was hatte sie übersehen? Welche Motive gab es in der Finanzbranche? Welche im Umfeld nachhaltiger Projekte? Sie wusste, sie hatte morgen viel Arbeit. Doch nun genoss sie erst einmal das wohlverdiente Bier, bevor sie dann wohl schon fast schlafend ins Bett kippen würde. Doch meistens kommt es anders, als man / frau denkt und die Runde, in die sie da hineingeriet, diskutierte zu ihrem Erstaunen über nachhaltige Finanzanlagen. Nicht das sie selber dieses Thema eingebracht hätte, nein der Ausschlag zur Diskussion war ein Artikel im Zürcher Anzeiger, den einige von ihnen gelesen hatten. Und wie gewohnt verlief die Diskussion hier Kapitalismus-kritisch. Die einen waren der Ansicht, dass ein Unternehmen innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems ja gar nicht nachhaltig operieren könne und dass alle diesbezüglichen Anstrengungen nur dazu dienten, sich einen Deckmantel zuzulegen, um darunter unbeobachtet die dreckigen Geschäfte zu machen. 'Green Washing' war das englische Modewort dafür. Andere wiederum fanden, dass das Wort Nachhaltigkeit sowieso viel zu inflationär verwendet werde. Alles sei in der Zwischenzeit nachhaltig und speziell die Finanzbranche sehe dabei nur den ökonomischen Teil dieses abstrakten Gebildes. „Denen geht es doch nur darum, die Gelder der reichen Familien langfristig zu sichern, alles andere ist ihnen eh sch…egal“, fand Britta. Martin doppelte nach und witzelte: „Natürlich ist auch die Nachhaltigkeit der Vergütung der Manager und Geldverwalter entscheidend, denn fürs Lügen muss man ja schliesslich auch besser bezahlt werden.“ Rahel hörte gut zu, denn bis jetzt hatte sie sich mit diesem Thema noch nicht näher auseinandergesetzt. Sie wusste natürlich aber auch, dass man dieser Gruppe von Leuten, die da an ihrem Tisch sass, niemals irgendwelche wirtschaftsfreundlichen Sichtweisen entlocken konnte. Damit wäre man wohl gleich zum Aussenseiter mutiert und beim nächsten Mal nicht mehr willkommen gewesen. Irgendwie fand sie diese einbahnartigen Diskussionen daher oft auch etwas langweilig. Doch bei diesem Thema musste sie allein nur schon aus beruflichen Gründen zuhören, denn irgendwie musste der Mord mit diesem Thema zu tun haben. Lange hörte sie noch dem debattierenden Stammtisch zu. Erschöpft kam sie dann um Mitternacht heim und hätte eigentlich gerne mit ihrem Partner über den Tag sprechen wollen. Doch dieser hatte einen Nachteinsatz, denn er hatte denselben familienunfreundlichen Job wie sie – den eines Polizisten. Er hatte sie noch bevor sie ein Paar waren, dazu motiviert, sich bei der Polizei zu bewerben und dies führte dazu, dass sie in der Zwischenzeit nicht nur Berufskollegen waren. Das "verschollene" Unternehmen. Montag 8. September 2025. Railay, Thailand, auf der Halbinsel. Am nächsten Tag war es in Railay trotz Regenzeit das schönste Wetter. Der blaue Himmel auf der Anfahrt mit dem Longtail-Boot (die typischen Boote in Thailand mit einer langen Schiffsschraube bestückt) schien das Paradies zu versprechen. Die Leere Railays, die man so nur in der totalen Nebensaison erleben konnte, liessen die Illusion eines wahrhaft magischen Fleckchens aufleben. Doch Marvin war sich bewusst, dass hier in der Hochsaison der absolute Rummel herrschte. Die hoch aus dem Meer ragenden Felsen strahlten majestätisch und ihre Energie war intensiv spürbar. Er machte sich auf den Weg zu der Adresse, die im Internet angegeben wurde. Diese lag tatsächlich am sandigen Fussweg zwischen dem Ost- und dem Weststrand. Gesäumt von Palmen kam er an unzähligen Anbietern von Klettermaterialien, Bootstouren und Reiseagenturen vorbei und fand an besagter Adresse eine Tauchschule. Der französische Besitzer war erstaunt über seinen Besuch und antwortete ihm auf seine Frage: „Ich habe weder von einem Alain Mirsel noch von einer Firma namens Careful Investment etwas gehört. Und ich bin jetzt schon 7 Jahre hier…“ Umso erstaunter war er, als Marvin ihm die Adresse im Internet zeigte. Ein Bild auf der Website zeigte einen eher drahtigen Typ mit einem markanten Gesichtszug, der in einem biederen Anzug steckte. Dem Bild nach zu urteilen, musste Alain Mirsel etwa um die fünfzig Jahre alt sein und irgendwie machte er eher einen verbissenen Eindruck. Doch auch das Bild sagte dem Tauchlehrer nichts: „Diesen Mann habe ich noch nie gesehen und Railay ist ja nicht wirklich gross.“ Auch seine Nachfragen bei den benachbarten Geschäften und Restaurants blieben erfolglos. Niemand hatte jemals etwas von einem Alain Mirsel gehört. Dies obwohl Marvin immer noch die Pressemeldung im Kopf hatte, die Alain vor den Felsen von Railay zeigten. Er informierte kurz seinen ehemaligen Arbeitskollegen Udo Leitner, denn er hatte ihm versprochen, ihn auf dem Laufenden zu halten. Udo erzählte ihm vom Gespräch mit der Kommissarin Rahel Staehli nach der Pressekonferenz und schilderte ihm den aktuellen Informationsstand der Polizei. „Ich habe von der Kommissarin gerade noch eine Information erhalten, die ich dir weiterleiten soll, da du vielleicht etwas damit anfangen könntest?, fand Udo Leitner und erzählte ihm von den beiden Telefonaten, die die Sekretärin des Ermordeten belauscht hatte. Die Vermutung lag natürlich nahe, dass es sich beim französischsprachigen Telefonat, um Alain Mirsel als Gesprächspartner handelte. Anscheinend war er nicht zufrieden mit der Qualität der Arbeit seines asiatischen Geschäftsführers, was Marvin nach den neuesten Erkenntnissen nicht wirklich erstaunte. Marvin beschloss, auf der Post in Krabi, die für diesen Ort zuständig war, nachzufragen und weitere Ermittlungen zu tätigen. Bis er jedoch wieder aus Railay zurück war, war die Post in Krabi schon geschlossen und er verlängerte seinen Aufenthalt in Krabi um eine weitere Nacht, die er mit einem Besuch der von ihm geliebten Dolce Vita Pizzeria kombinierte. Zürich, Technopark. Peter Meier, der vermeintliche Buchhalter, hatte gerade ein längeres Telefon mit Jamie Turner, der derzeit in seinem Unternehmen in London sass. Gestern am Sonntag, nachdem er fluchtartig in sein Büro eilte, hatte er ihn leider trotz vieler Versuche nicht erreicht. Er war wütend, denn Jamie behauptete, dass die "Unregelmässigkeiten" in den Anlagen der Careful Investment Gruppe nicht ans Licht kommen würden. Peter hatte da dezidiert eine andere Meinung, denn ein medienwirksamer Mord rief ungeahnte Kräfte auf den Plan und er hatte mehr als ein Drittel seines Vermögens in die "innovativen" Produkte des Unternehmens investiert, hatte also viel zu verlieren. „Sie können ihrem Arbeitgeber ausrichten, dass alles in Ordnung ist und er keine Angst haben muss.“ Für Jamie war Peter wie für alle anderen nur der Buchhalter der Innovatio AG und die Kontaktperson zu dem anonym bleiben wollenden Eigentümer und Investor im Hintergrund. Dass dieser Investor Peter selber war, wusste niemand ausser ihm und seinem Freund, dem Treuhänder, der ihn gestern zurückrief. Denn Peter hielt seine Geschäfte selbst vor seiner Familie geheim. Für sie war er immer noch der Buchhalter, der nun an einem neuen Ort arbeitet. Dass das Unternehmen ihm gehörte und er eigentlich reich war, davon sollte vorerst niemand wissen. „Ich werde mich der Sache höchstpersönlich annehmen“, versprach ihm Jamie, der Geschäftsführer einer der erfolgreichsten Ratingagenturen der letzten Jahre. Doch Peter beruhigte das keinesfalls, denn wie wollte Jamie verhindern, dass die Aktien des Unternehmens fallen, weil der charismatische Geschäftsführer in die ewigen Jagdgründe einging? Die Careful Investment Gruppe steht und fällt mit der Person, an die alles geknüpft ist. Gründer, Chef, Fachperson und Vertrauensperson in einem. Wer will nach seinem Tod dem Unternehmen noch trauen?, malte er sich das Szenario aus. Er brauchte einen Kaffee und eine etwas andere Atmosphäre, um sich zu beruhigen. Und er erhoffte sich, in der Cafeteria des Technoparks weitere Informationen zu dem Fall zu erhalten. Denn immerhin war der Technopark Zürich ein Hub für junge innovative Start-ups mit Besuchern aus der ganzen Welt und bot Räumlichkeiten für verschiedene Events renommierter Unternehmen und Tagungen mit internationalem Teilnehmerfeld. Dies war auch der Grund für ihn, dass er damals diesen Ort für sein Büro gewählt hatte. Denn hier war er vernetzt und informiert, gleichzeitig für seine Gegenüber aber nur ein Buchhalter eines innovativen Finanzunternehmens, das sich am Technopark niedergelassen hatte. Zwei Räume (sein Büro und ein kleines Sitzungszimmer) und die Nutzung der Infrastruktur sowie der äusserst schnellen Internetanbindung erregten hier kein Aufsehen. Ein typisches kleines Start-up wie alle anderen, die hier versuchen, sich an ihren Märkten zu etablieren und dazu die gemeinsamen und daher günstigen Bürogeräte nutzten. Auch sein Auftreten hier passte dazu. Er war stets gekleidet, wie man sich eben einen Buchhalter vorstellte: unauffällig, meist mit Manchester-Jeans und Tweed Jacke. Mit seinen 52 Jahren gehörte er hier auch eher zu den älteren Semestern. Das Café, das er öfters besuchte, war angesiedelt in der Mitte der verschiedenen dreistöckigen Flügel, die sich von der Eingangshalle links und rechts erstreckten. Jeder neue Besucher erblickte es gleich nach dem Passieren des Empfangsschalters. So traf er da immer interessante Leute und konnte etwas abschalten und neue Energie und Inspiration tanken. Auch dieses Mal traf er ein neues Gesicht. Als er ihm sein Tätigkeitsfeld schilderte, stiess er wie bei den meisten auf Erstaunen. Dieser fand: „Was zum Teufel sind innovative Instrumente bei Finanzanlagen? Für die meisten ist dies doch ein eher anrüchiges Thema, beeinflusst von den damaligen undurchschaubaren gebündelten Hypotheken, die mit Triple A Ratings die Wirtschaftskrise von 2008 auslösten.“ Doch Peter ging meist nicht tiefer auf das Thema ein und spielte den unwissenden Buchhalter, der die Börse nur am Rand kannte. Sein heutiger Gesprächspartner liess aber nicht locker und fand: „Man kann ja selbst den nachhaltigen Finanzanlagen nicht wirklich trauen, wie dies der Mord an Pierre Thonon zeigt. Da ist ja anscheinend einiges schief gelaufen ...“ Die Gerüchte waren also im Umlauf und Peters ungutes Gefühl verstärkte sich noch einmal mehr. Zurück in seinem Büro suchte er das Internet danach ab, welche Informationen und Gerüchte zum Unternehmen von Pierre Thonon derzeit gestreut wurden. Bern, Schweiz, Pierres Wohnung. Da Rahel Staehli, die Kommissarin aus Zürich, immer noch keine weiteren Hinweise hatte, verabredete sie sich mit Andreas Matter, ihrem Kollegen von der Stadtpolizei Bern, um die Wohnung und das Büro des Ermordeten persönlich unter die Augen zu nehmen. Andreas Matter hatte ihr gestern noch mitgeteilt, dass sie über den Restaurant-Besuch nicht viel Verwertbares herausgefunden hatten. Der Kellner erinnerte sich nur daran, dass die beiden sich in Englisch unterhalten hätten und das der Gesprächspartner von Pierre auf ihn den Eindruck eines 'Gigolos' gemacht hätte. So sass Rahel nun im Zug nach Bern und wenn sie ehrlich war, genoss sie den Ausflug in die schöne Hauptstadt der Eidgenossenschaft, denn geschäftliche Reisen gehörten weniger zu ihrem Jobprofil. In etwas mehr als einer Stunde war sie mit der Bahn dort und so kam sie gar nicht auf die Idee, das eigene Auto zu nehmen, denn die Parkplatzsuche in der Altstadt hätte wohl schon fast länger gedauert. Mit dem Tram fuhr sie anschliessend vom Bahnhof aus entlang der Spital- und dann der Marktgasse, passierte den Bärenplatz und ratterte durch den Käfigturm, einem monumentalen Stadttor, das heute als Raum für Ausstellungen und politische Versammlungen genutzt wird. Die Wohnung war schön gelegen in der Nähe des Zytgloggen-Turms. Sie liess es sich vor dem Treffen nicht nehmen, einmal wieder die astronomische Uhr und das faszinierende Glockenspiel zu betrachten. Die drehenden Teile bei der Uhr bildeten den täglichen scheinbaren Umlauf der Sterne, der Sonne und des Mondes ab. Beim Bau galt immer noch das geozentrische Weltbild, nach dem alle Planeten um die Erde kreisten. Sie begrüsste den stämmigen Berner Polizisten, der sie mit einem „Grüessech? willkommen hiess. Die Mundartsprache der Berner hatte einen sympathischen Ton und war oft eher etwas langsam, was Rahel gefiel. Sie schauten sich gemeinsam in der Wohnung um. Sofort fiel ihr Blick auf die interessante Aussicht aus dem Fenster auf das Kornhaus und den Kindlifresserbrunnen. Ja, der Brunnen aus dem 16. Jahrhundert heisst tatsächlich so und die Brunnenfigur ist ein Kinderfresser, der gerade ein nacktes Kind verschlingt. „Eine inspirierende Lage“, fand Rahel schmunzelnd zu ihrem Amtskollegen. „Wessen Kinder hat wohl der Tote gefressen, dass sie ihn so kaltblütig abservierten?“ Bei der Durchsuchung der Wohnung erkannte Rahel den exzellenten Geschmack, mit dem Pierre seine Wohnung im Dachgeschoss eingerichtet hatte. Der antike Dachstock war hervorragend restauriert und vereinte geschickt alte mit modernen Elementen. Die riesige Bücher- und die Plattensammlung waren unübersehbar und dominierten den grossen offenen Raum. Hermann Hesse und klassische Musik nahm Rahel kurz als Favoriten wahr. Ein Büro gab es nicht in seiner Wohnung, denn sein Unternehmen war ja gerade die nächste Türe. Zu Andreas Matter bemerkte sie: „Es bestätigt, dass Pierre hier wohl selten Besuch hatte, denn es hat ja kaum Sitzgelegenheiten. Auch habe ich keinen Hinweis auf weibliche Personen, keine Bilder, keine Kleider, kein Parfüm in der Toilette gesehen.“ Dies bestätigte die ersten Ergebnisse. Eigentlich wollte Rahel die Suche schon abbrechen, da erweckte der Titel eines Buches, das auf seinem Nachttisch lag, ihre Aufmerksamkeit. "Diary of a mad man" las sie da, was zu Deutsch etwa "Tagebuch eines Verrückten" bedeutete. Rein aus Neugier blätterte sie in dem Buch, das Kurzgeschichten aus dem Leben eines ziemlich verschrobenen Zeitgenossen enthielt. In dem Moment, als sie das Buch schon wieder hinlegen wollte, entdeckte sie, dass in der Mitte des Buches ein Kalender hineingedruckt war. 12 Seiten, jede Seite einen Monat des Jahres 2025 mit 28-31 Linien, eine für jeden Wochentag. Und was sie darin geschrieben sah, war reichlich kryptisch. Sie sah verschiedene Kurzzeichen, zwei bis drei Buchstaben lang, versehen mit verschiedenen Frage-, Ausrufezeichen oder anderen Zeichen wie AR? JL* SM… KKL!!! oder BN mit einem Smiley-Zeichen. Zwischendurch waren auch mal Zeiten vermerkt. „Was soll denn das?“, wunderte sie sich und zeigte Andreas Matter das Buch, „anscheinend haben deine Kollegen gedacht, das sei nur die Bettlektüre und es sich nicht genauer angeschaut, aber in der Mitte des Buches gibt es eine schon fast versteckte Agenda.“ „Sind das Kürzel vom Personal oder von Geschäftspartnern?“ Andreas Matter schaute sich die Kürzel an und fragte sofort in seiner Dienststelle zurück. Die zuständige Sachbearbeiterin fand aber keine Namen, die zu den Kurzzeichen passen würde. „AR“, nahm Rahel ein Beispiel, „Was könnte das heissen, AR wie der Kanton Appenzell Ausserrhoden? Doch dann würden die anderen Kurzzeichen keinen Sinn machen… - oder AR wie 'Augmented Reality', der neueste Trend in der Informatikindustrie? Macht irgendwie auch keinen Sinn.“ Andreas Matter nahm den Faden auf: „KKL könnte Kultur- und Kongresszentrum Luzern heissen, aber dann machen die anderen Bezeichnungen auch keinen Sinn. Und das mit SM eine Sexualpraxis gemeint ist, kann ich auch nicht glauben.“ „Schau, aber das hier ist interessant“, Rahel zeigte auf einen Eintrag, „3 Tage vor seiner Ermordung steht AR und dahinter ist ein kleiner Totenkopf gezeichnet. Das passt irgendwie gar nicht zum Stil des Verstorbenen.“ Andreas Matter war der gleichen Ansicht: „Ich werde das Buch auf jeden Fall mal als Beweismittel sicherstellen und darauf untersuchen lassen, ob die Handschrift auch wirklich diejenige von Pierre Thonon ist.“ Rahel machte geistesgegenwärtig mit ihrem Smartphone noch ein Bild jeder der 10 beschriebenen Kalenderseiten, im November und Dezember war noch nichts verzeichnet. Nach einer zusätzlichen halben Stunde brachen sie die Untersuchung der Wohnung ab, da keine weiteren Hinweise mehr zutage gefördert werden konnten. Im Büro, das sie anschliessend durchsuchten, war nicht mehr viel zu sehen. Das meiste hatte die Polizei schon am Freitag konfisziert und so säumten leere Gestelle das schon fast antike Empfangszimmer, Pierres modernes Büro und den eher funktional gehaltenen Besprechungsraum. Einzig einige Plakate an der Wand zeugten von den Tätigkeiten des Unternehmens und die waren nicht sehr aussagekräftig. In den geschäftlichen Räumen waren auf jeden Fall keine weiteren verwertbaren Informationen mehr zu finden. Doch wenigstens konnte sich Rahel so ein persönliches Bild machen und sich damit etwas mehr in das Opfer einfühlen. Denn so ging sie immer vor – je mehr sie aus den Augen eines Opfers sah, desto eher fielen ihr Details auf, die schon einige Male zur Verhaftung des Täters führten. So trat sie nach einigen abschliessenden Worten mit dem Stadtpolizisten wieder ihre Heimreise nach Zürich an. Bangkok, Thailand, Riverside Restaurant. Nachdem Ahmed Sukarno am Sonntag von dem Projekt am Indawgyi See Projekt im Norden Myanmars gehört hatte, hatte er sich sofort im Internet darüber informiert. Auf der Internet-Seite der Stiftung, an die 20 % der Gewinne seiner Mutterfirma flossen, waren nur viele schönfärberische Floskeln auszumachen, von wegen sozialer und ökologischer Verantwortung und Investitionen in die Zukunft. Das einzige derzeit unterstützte Projekt, das beschrieben wurde, war eben jenes an diesem See in Norden Myanmars. Dort werde in einen grösseren Solarpark investiert und es waren Pläne des Vorhabens publiziert, die eine riesige Anlage an den Ufern des Sees zeigten. Ein Abschnitt war den technischen Angaben und der Leistungsfähigkeit des geplanten Projektes gewidmet. Es wurde aber kein einziger Name genannt oder irgendeine Kontaktmöglichkeit auf lokaler Ebene. Ausser diesem Projekt-Porträt auf der Stiftungsseite fand Ahmed keinerlei weitere Informationen zu diesem Projekt, das in ihm seinen leisen Verdacht irgendwie bestätigte. Ahmed vermied es, geleitet von seinem unguten Gefühl, die chinesische Geschäftsführerin der Stiftung zu kontaktieren, die ihm Jennifer ja schon als eher suspekt beschrieben hatte, und suchte im Internet nach anderen möglichen Ansprechpartnern. Dabei wurde er auf ein Projekt im Bereich des nachhaltigen Tourismus in dieser Region aufmerksam, dass von einer Amerikanerin namens Sarah Cooper geleitet wurde. Da diese bereits seit sechs Jahren im Nachhaltigkeitsbereich in dieser Region arbeitete, verfügte sie sicherlich über weitere Informationen zu diesem Projekt. So rief er auf gut Glück noch am Sonntagabend ihre Nummer in Myanmar an. Er erreichte sie zwar nicht persönlich, aber es nahm doch jemand das Telefon ab und so erfuhr er, dass sie für eine Visa-Erneuerung nach Bangkok gereist sei. Dies war optimal für Ahmed, den er hatte am Montag eine Tagung zum Thema "Nachhaltige Standards in der Palmöl-Branche" in Bangkok. Als er Sarah Cooper auf ihrem Mobiltelefon erreichte, erzählte er ihr zwar noch nichts von seinen konkreten Fragen, konnte aber einen Termin mit der Projektleiterin vereinbaren. Nun traf er diese Sarah Cooper im Riverside Restaurant, einem Treffpunkt mit wunderschönen Ausblick auf den Chao Phraya Fluss in Bangkok. Nach der Begrüssung und gegenseitigen Vorstellung kam Ahmed schnell zum Thema: „Was wissen sie über diesen geplanten Solarpark in ihrer Region?? Sarah Cooper, eine eher zierliche Mittdreissigerin, deren man ihr idealistisches Engagement schon von Weitem ansah, wunderte sich etwas über die Frage, überlegte kurz und fand dann: „Viel mehr als das uns einmal eine chinesische Geschäftsführerin einer malaysischen Stiftung informierte, dass sie ein solches Projekt finanzieren werden und mir gleich die ausgeführten Pläne zeigte, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Sie teilte uns nur mit, dass wir mit der Begleitung vor Ort beauftragt werden und das dies ein bezahlter Auftrag sei, ohne uns wirklich zu fragen, ob wir diesen Auftrag auch wirklich annehmen wollen.? Ahmed war wenig überrascht, denn irgendwie hatte er ja erwartet, dass das Projekt nicht wirklich konkret war, und fragte sogleich: „Dann ist aber bis jetzt weder ein Auftrag eingegangen noch Geld geflossen?? Sarah Cooper bestätigte diese Frage und erzählte weiter: „Es war reichlich kurios, sie fand nur, dass ich mich bei ihr melden soll, wenn jemand nach dem Projekt frage. Die Fragestellenden soll ich nur soweit informieren, dass dieses Projekt bald umgesetzt werde. Mehr soll ich bei Nachfragen nicht mitteilen. Seither habe ich nichts mehr gehört von ihr.? „Und was sagen die Behörden dazu??, wollte Ahmed weiter wissen. „Der Ortsvorsteher hatte mich einmal gefragt, was wir denn mit dem Projekt zu tun haben. Er sei von der Chinesin nur informiert worden, dass ein solches Projekt geplant sei, dass der Grundbesitzer die Einwilligung gegeben habe und sie sich zu gegebenem Zeitpunkt bezüglich Bau-Bewilligung melden werden. Für weitere Fragen sollen sich Interessenten an uns wenden.?, wunderte sich Sarah immer noch etwas, „Und dies, obwohl wir ja auch nicht mehr wissen.? Ahmed hatte gehört, was er hören musste. Das Ganze tönte nach einer klassischen Verschleierungstaktik. Mit etwas kreativer Buchhaltung von einem bestochenen Treuhänder wäre so wohl nach den ersten Zahlungen seines Arbeitgebers an die Stiftung ein Teil des Geldes aus dem 'Responsible Pool' nachweisbar für Projektleitungsaufgaben an Sarahs Organisation geflossen. Dies, um für eine längere "Projektentwicklungszeit" zu vertuschen, dass der Rest des Geldes anderswo floss. Er hatte genug erfahren … München, Englischer Garten, Chinesischer Turm. Rainer Meister und Judith Vonlanthen hatten sich im Biergarten beim chinesischen Turm in München verabredet. Oft wenn Judith in München war, trafen sie sich da zu einem kleinen Austausch. Judith liebte den Spaziergang durch den Englischen Garten, die Atmosphäre war hier einfach entspannt. Viele wussten nicht, dass diese Parkanlage im Herzen Münchens gar grösser war als der Hyde Park in London oder der Central Park in New York. Der Ort, an dem sie sich trafen, war bei schönem Wetter immer belebt. Ein Biergarten mit mehr als 7‘000 Sitzplätzen hatte sich um den 25 Meter hohen Turm, der einer Pagode glich, angesiedelt. Bereits 1790 wurde dieser Turm fertiggestellt und heute frequentieren Studenten, Touristen und Geschäftsleute den netten Biergarten. Rainer gefiel der Platz: „Meine Arbeit kommt mir hier so weit weg vor“, wiederholte er wohl schon zum hundertsten Male. Er liebte zwar seinen Job, aber nachdem er den ganzen Tag Finanz-Analysen über Unternehmen verfasste und sich dazu meist im Internet bewegte, genoss er die Natur im Englischen Garten umso mehr. Was Judith vor allem gefiel, war, dass man gemäss der Festschreibung in der bayerischen Biergartenverordnung traditionell schon seit dem 19. Jahrhundert seine eigenen Speisen (bayrisch: Brotzeit) mitbringen durfte. Das Bier wird dann in sogenannten Masskrügen, die einen Liter fassen, bei der Schenke (der Theke) gekauft. Schon waren sie in einem Gespräch, das Rainer liebte, denn er war überzeugter Münchner. Er erläuterte: „Das Gesetz wurde 1812 vom damaligen König Max I. Joseph eingeführt, um den Bierbrauern zu ermöglichen, das Bier direkt am Ort des Brauens auszuschenken. Die Vorschrift, seine eigene Brotzeit mitbringen und unentgeltlich verzehren zu können, entstand daraus, dass es den Biergärten anfangs untersagt war, Essen (ausser Brot) zu verkaufen, um nicht in Konkurrenz zu den Speiserestaurants zu treten. Biergärten waren meist nahe am Fluss Isar gelegen, denn dort wurde das Bier auch gekühlt.“ Judith fand, dass die meisten Biergärten einfach wunderschön unter grossen, alten Bäumen im Schatten gelegen sind und man speziell in den Selbstbedienungszonen beim Anstehen an der Schenke viele Menschen aus unterschiedlichen Schichten kennenlerne. „Das ermöglicht es, soziale Unterschiede zu überwinden und das prägt München“, fand sie. Auf den langen Bänken der grossen typischen Klapptische wurde schon manche Freundschaft besiegelt. So wurden die Biergärten zum bayrischen Kulturgut. Judith war gerade von einer Sitzung gekommen, die sich mit dem Thema 'Kriterien für die Nachhaltigkeitsbeurteilung von Unternehmen' beschäftigt hatte. Da Rainer ja auch in diesem Fachbereich spezialisiert war, interessierte sie seine Meinung. Sie führte dazu aus: „Das Grund-Dilemma nachhaltiger Anlagen ist doch, dass je lockerer die Bewertungskriterien ausgestaltet sind, desto mehr Unternehmen erfüllen sie. Dadurch wird das erreichbare Publikum breiter, die mediale Wirkung auf die Öffentlichkeit grösser und die Gütesiegel werden bekannter.“ Rainer entgegnete: „Es ist ja auch klar, dass die Banken lasche Kriterien setzen, denn sie wollen ihre angestammten Kunden ja nicht vergraulen.“ Er doppelte gleich nach und fand: „Genau darum brauchen wir zwingend nachhaltige Ratingagenturen, und zwar solche, die qualifiziert und unbeeinflussbar sind.“ „Und das scheint ja genau im Falle Pierre Thonon eben nicht der Fall gewesen zu sein.“ Damit erntete er einen schwer zu deutenden Blick von Judith. Erstaunen, Betroffenheit und Neugierde mischten sich und das: „Warum denkst du das…?“, löste einen Redeschwall bei Rainer aus. Denn Judith hatte ja schon von den Unregelmässigkeiten in Asien gehört, die sie auch ihrer kleinen Gruppe mitgeteilt hatte, doch welchen Zusammenhang dies mit Ratingagenturen haben soll, hat sich ihr bis jetzt nicht erschlossen. München, Spazierweg im Englischen Garten. Beim anschliessenden, ebenfalls schon fast traditionellen Spaziergang durch den Englischen Garten hatte sich Rainer Meister wieder etwas beruhigt. Er genoss die Zeit. Er und Judith waren irgendwie wie ein älter gewordenes Paar, das das junge Leben im Park genoss. Doch handelte es sich all die Jahre immer um eine platonische, intellektuelle Beziehung. Rainers Information liess Judith nicht mehr los: „Wieso war das Rating der Careful Investment Gruppe denn so gut, dass er den Preis gewonnen hätte?“. Rainer überlegte nur kurz und fand: „Weil die gesamten nachhaltigen Anlagen in Südamerika und Afrika, die die Gruppe tätigte, perfekt organisiert waren und als Vorbild galten. Dadurch wurde beim neuen Geschäft in Asien auch nicht mehr so genau hingeschaut. Und genau da habe ich die Unregelmässigkeiten ja entdeckt. Ich konnte auch entgegen den Versprechungen keine einzige der angegebenen Telefonnummern erreichen.“ „In diesen Ländern sind die Bewohner wohl einfach nur telefonisch schlechter zu erreichen, weil sie andauernd an der Arbeit sind“, fand Helen, doch Rainer versicherte ihr, dass er alle Nummern der beteiligten und im Intranet dargestellten Projektpartner mehrfach gewählt habe, und das seien viele gewesen. Auch auf seine E-Mails sei nicht geantwortet worden. Und dass fast alle Projekte nur von einem Qualitätssicherung-Unternehmen geprüft werden, sei ebenfalls ziemlich auffällig. „Darauf angesprochen hatte Pierre mir nur gesagt, dass er mit Alain Mirsel, seinem Partner in Asien, reden werde. Seither habe ich nichts mehr gehört von ihm, was jetzt ja auch nicht mehr möglich ist. Da ist doch was faul ...“, mutmasste er. Judith liessen die Gedanken an diesen Fall nicht mehr los, denn der Ruf ihrer geliebten Branche stand auf dem Spiel, schliesslich war sie ja Präsidentin des österreichischen Branchenverbandes. Und eigentlich waren nachhaltige Finanzanlagen in den letzten Jahren immer mehr im Trend und hatten die Nische verlassen, weil das Vertrauen der Investoren ständig wuchs. Sie waren sich im Klaren, dass nachhaltig operierende Unternehmen ein kleineres Reputationsrisiko hatten. Falls doch einmal eine Unregelmässigkeit ans Licht kam, so stürzte sich die Presse nicht gleich auf jedes Detail und damit konnte ein teurer Image-Schaden verhindert werden. Rainer führte seine Gedanken gleich noch weiter aus: „Interessanterweise hatte die First Rating Ltd. London, einer der erfolgreichsten Agenturen der letzten Jahre, ihre letzte Bewertung erst nach unserer abgegeben. Das heisst, sie wussten von unserem schlechteren Rating und haben dies nicht mal hinterfragt und ein glattes Triple A vergeben. Ich wäre schon interessiert, welche Märchen da Pierre Thonon dem Chefanalysten erzählt hat.“ Nach diesem Spaziergang verabschiedeten sich die beiden und versprachen, sich gegenseitig auf dem aktuellen Stand zum Fall Pierre Thonon zu halten. Der verschwundene Auditor in Kunming. Dienstag 9. September 2025. Kunming, China, im Bus zur Wirtschaftsentwicklungszone. Helen Lüthi hatte kurzfristig beschlossen, nach dem gestrigen Treffen mit ein paar Verantwortlichen für eine nachhaltige Finanzanlage im chinesischen Chengdu nach Kunming im Südwesten von China weiterzureisen, um mehr über den verschwundenen Auditor Iwan Reichle zu erfahren. Der mögliche Zusammenhang mit dem Fall Pierre beunruhigte sie und sie wollte mehr dazu wissen. Sie brachte über Reichles Arbeitgeber, die Quality Works Ltd. in Erfahrung, dass er unterwegs war, um Unternehmen zu besuchen und die Einhaltung der SA-8000 Norm zu prüfen. Die Einhaltung dieser Norm ist in der Zwischenzeit bei allen Unternehmen Pflicht, die aus der ASEAN-Region (dem südostasiatischen Staatenbund) ins Ausland liefern wollen. Sie ist allerdings auch eher eine "Light"-Variante, die einzuhalten eigentlich selbstverständlich sein sollte. Helen brachte in Erfahrung, dass er an dem Tag, als er verschwand, das Unternehmen China Special Electronics SA hätte besuchen sollen. Dort sei er aber nie angekommen. Helen besuchte zuerst das Hotel, in dem er residierte und versuchte mit ihren wenigen Chinesisch - Kenntnissen mehr zu erfahren. Der Manager führte ihr dann auch aus: „Er hat an besagtem Morgen um 8 Uhr das Hotel verlassen. Seit diesem Zeitpunkt ist er nicht mehr gesehen worden. Seine Arbeitstasche mit dem Computer hat er bei sich gehabt und die Rezeption hat er gebeten, einen Brief, den er erwartete, auf das Zimmer zu bringen, denn es sei ein heikles Dokument, das er nicht an der allgemein zugänglichen Postbox neben der Rezeption wissen wollte. Dieser Brief ist aber nie eingegangen.“ Helen beschloss, den Bus zum Unternehmen zu nehmen, denn sie brachte auch in Erfahrung, dass er den öffentlichen Verkehr bevorzugte und nie mit einem privaten Auto unterwegs war. So stieg sie in den besagten Bus und zeigte dem Fahrer ein Bild von Iwan Reichle, dass sie aus dem Internet ausgedruckt hatte. Der Fahrer schüttelte nur den Kopf. Nach einer Station stieg sie aus und nahm den nächsten Bus. Sie wiederholte dies fünf Mal, bis sie tatsächlich erfolgreich war. Der Fahrer erkannte den Auditor und bestätigte: „Ja, dieser Mann ist vor einer Woche in meinen Bus gestiegen und bei der Elektronikfabrik ausgestiegen.“ Spannend, dachte Helen, denn die Elektronikfabrik behauptete ja, er sei nie dort angekommen. So fuhr sie mit dem Bus weiter und betrachtete das Kunming der heutigen Zeit. Das letzte Mal war sie 1989 dort gewesen und sie staunte nur noch, wie sich die Stadt verändert hatte. Sie kam am "Eye of Spring Trade Center" vorbei, einem Doppelturm mit 100 respektive 72 Etagen. Der eine Turm ragte mehr als 400 Meter in die Höhe und war seit der Fertigstellung 2021 das höchste Gebäude der Stadt. Damals gab es kein einziges Gebäude über 5 Stockwerke, und heute gibt es schon mehr als 30 Gebäude mit über 150 Metern - ist ja der Wahnsinn, dachte Judith bei sich. Sie erkannte nur noch den Dian-See, alles andere sah komplett anders aus als damals. Damals war die Stadt noch eine fast verschlafene Provinzhauptstadt in der südwestlichsten, eher abgelegenen Provinz Yunnan. Heute ist Kunming eine pulsierende Handels- und Industriestadt mit Schnellzug- Verbindungen nach Schanghai, Chengdu und Chongqing. Eben erst wurden die beiden HiSpeed-Zugverbindungen über Vientiane bzw. Mandalay und Bangkok nach Singapur eröffnet, was die Stadt noch weiterwachsen lassen wird. Eine weitere Strecke über Vietnam und Kambodscha wird wohl auch bald fertig werden. Sie kam aus dem Staunen über diese schnelle Entwicklung nicht mehr heraus. Krabi, im Zentrum. Marvin Bauer hatte kurz zuvor ein Voice-Mail von Helen erhalten, die ihm berichtete, dass sie auf dem Weg zu der Elektronikfabrik in Kunming sei und dass der verschwundene Auditor dort anscheinend ausgestiegen sei, was die Darstellung des Unternehmens etwas unglaubwürdig mache. In der Zwischenzeit war es 9 Uhr und er befand sich auf dem Weg zum Postamt in Krabi. Dort traf er den Poststellen-Leiter an, der ihm auf seine Frage antwortete: „Die Post an die Adresse der Careful Investment Krabi geht in ein Postfach, das in unregelmässigen Abständen von einem Ausländer geleert wird. In den letzten Tagen ist er allerdings nie vorbeigekommen.“ Marvins anschliessender Besuch beim Amt für Wirtschaft bestätigte dann seine Vermutung, dass keine Firma mit diesem Namen registriert ist und sie auch den Namen Alain Mirsel nie gehört hatten. Er beschloss dieses Schein-Unternehmen noch genauer unter die Lupe zu nehmen und im Internet sowie über sein Kontaktnetzwerk mehr herauszufinden. Was eignet sich für die Online-Recherche besser als die Ruhe, die ich auf meiner Lieblingsinsel Koh Kah finden kann?, dachte Marvin bei sich, machte sich auf den Weg und freute sich schon, einige Freunde wieder zu treffen. Ob Chang wohl noch selber das Resort führte oder er sich endlich zur Ruhe setzen konnte? Er informierte Udo Leitner, seinen früheren Arbeitskollegen beim Zürcher Anzeiger, noch über die neuen Abklärungen, bat ihn aber: „Bitte erzähl der Kommissarin noch nichts davon, denn ich will ungestört an dem Fall arbeiten. Das letzte, was ich hier brauchen kann, ist, dass die Polizei herumschnüffelt und damit allenfalls die falschen Leute auf meine Abklärungen aufmerksam werden.“ Kunming, Firmengelände China Special Electronics. Als Helen in der Wirtschaftsentwicklungszone ankam, in der das Elektronik-Unternehmen seinen Sitz hat, inspizierte sie erst die Umgebung der Fabrik. Zehn riesige Industrie- und Lagerhallen waren von einem elektrisch abgesicherten Zaun und Wachtürmen umgeben und machten eher den Eindruck eines Hochsicherheitsgefängnisses. Sie hatte schon früher von der Firma gehört, die für Mango-Computers und andere Marken zentrale Bauteile entwickelte und damit auch viele Geheimnisse für sich behalten musste. Hinter den Hallen bemerkte sie weitere Gebäude, die offensichtlich weniger wichtige Bauteile lagerten oder produzierten, denn diese waren nicht umzäunt. Aus reiner Neugierde warf sie einen Blick in die Hallen, denn der wachhabende Sicherheitsmitarbeiter war gerade ausser Sichtweite. Sie öffnete die Tür – und war bestürzt. Hunderte von Kindern sassen an Fliessbändern, an denen Prozessoren gefertigt wurden. Die jüngsten davon wohl noch keine acht Jahre alt. Die riesige Halle hatte kaum Tageslicht und machte einen heruntergekommenen Eindruck, die Fliessbänder schienen aus der Vorkriegszeit zu stammen. Mit einem kurzen Blick sah sie auch, dass die Sicherheitsvorschriften wohl nur auf dem Papier bestanden, und war noch mehr schockiert. Um nicht entdeckt zu werden, schlich sie sich an der Hinterwand entlang und wurde gerade Zeuge als ein wohl zehnjähriges Mädchen in einer Lautstärke angeschrien wurde, dass alle anderen Kinder von ihrer Arbeit aufsahen. Dies war der geeignete Augenblick, um auf der anderen Seite der Halle aus dem Tor zu entwischen, denn Helen war es nicht wohl dabei. Doch was sie dann zu sehen bekam, schockierte sie nur noch mehr. Hinter der Fabrikhalle lag ein riesiger Berg mit elektronischen Abfällen, die Kinder gleich daneben zerlegten und dabei mit Chemikalien hantierten, deren nur leichte Berührung wohl ziemliche Verätzungen zur Folge haben würde. Und dies alles ohne Handschuhe ... In diesem Augenblick wurde sie von hinten barsch auf Chinesisch angesprochen und sah, dass ein Sicherheitsbeamter seine Pistole gezückt hatte. Dieser sagte mit einem versteinerten Gesicht nur, dass sie mitkommen solle. Und der Blick besagte, dass sie wohl heftige Probleme kriegen würde. Sie wurde von zwei weiteren Sicherheitsbeamten abgeführt und zum Bürogebäude gebracht, dass innerhalb der Umzäunung lag. Dort wurde sie in das Büro des Sicherheitschefs geführt. Die erste Frage lautet ziemlich bedrohlich: „Für wen spionieren sie?“ Koh Kah, Thailand, Koh Kah Bungalows. Marvin Bauer kam wieder einmal begeistert in Koh Kah an. Währenddem sich alle anderen Orte, an denen er in den letzten Jahren gewesen war, aufgrund des wachsenden Tourismus massiv verändert hatten, war Koh Kah nach wie vor gleich geblieben. Zwar waren ein paar Kilometer geteerte Strassen dazu gekommen, doch die Strasse bis zum nördlichen Pier war immer noch unbefestigt und jetzt in der Regensaison schlammig. Wie gewohnt, wenn man auf dem Pick-up zum Resort Koh Kah Bungalows unterwegs war, riefen die Kinder vergnügt: „Hello, Hello“, und die Einheimischen winkten einem mit einem Lächeln zurück. Es fühlte sich immer noch wie ein kleines Abenteuer an, im Palmengarten seines Lieblingsresorts anzukommen. Seine Freunde, Chang und seine Familie sowie alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die alle schon mehr als ein Jahrzehnt dort arbeiteten, erwarteten ihn wie in alten Tagen am Resort-Eingang und er fühlte sich schon in der ersten Sekunde wieder daheim. Alle waren etwas gealtert, sahen aber trotzdem erstaunlicherweise nur wenig älter wie bei seinem letzten Besuch aus. Dies zeigte, dass das Leben auf der Insel seinen gewohnten, entspannten Gang nahm. „Sorgen bereitet nur der Marktpreis für Kautschuk, denn die Insel ist wirtschaftlich zum grössten Teil davon abhängig“, wie ihm Chang erklärte. Der Tourismus bietet nur wenige Arbeitsstellen. Neben Changs Resort mit rund 10 Angestellten gab es nur noch zwei Familienbetriebe als Resorts. In einem gab es höchstens mal von Zeit zu Zeit ein paar wenige einheimische Touristen. Das andere gehörte einem Amerikaner, der die Familie seiner Frau damit beschäftigte. Auch dort waren selten mal Touristen anzutreffen. Alle Inseln um dieses kleine Paradies herum hatten bereits vor längerer Zeit an Charme verloren, da sie überlaufen waren. Doch diese Insel hatte "nur" einen braunen, lang ausufernden Sandstrand, der allein zu Zeiten der Flut zum Baden geeignet war. Dieser Umstand bewahrte die Insel glücklicherweise vor dem Ansturm von Urlaubern. Gleichzeitig aber war genau dieser Strand auch spannend, denn er sah manchmal aus wie eine Mondlandschaft und nach jeder Flut bildeten sich ständige wechselnde Wasserläufe und kleinere Teiche. Vor allem interessant war die Tierwelt, die den Strand bei Ebbe bevölkerte. Millionen von ultrakleinen Krebsen, grössere Krebse und verschiedene Vogelarten frequentierten den Strand. Ein Strandspaziergang war auf jeden Fall immer spannend. Er freute sich sehr, wieder einmal hier angekommen zu sein. Der Piña colada in der ausgehöhlten Ananas zum Empfang war schon fast Tradition. Beim Schwelgen in alten Zeiten mit seinen Freunden hatte Marvin schon fast vergessen, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte. Winterthur-Wülflingen, Quartierkiosk. Ida Meier hatte jedes Mal Freude, wenn Matthias bei ihrem Kiosk vorbeikam. Matthias genoss immer einen Kaffee bei ihr und kaufte die neuesten Zeitungen. Dazu gehörten sämtliche bekannteren deutschsprachigen Tageszeitungen sowie Manager-Magazine, die Ida extra für ihn ins Sortiment aufgenommen hatte. Sie verstand nie ganz, was er eigentlich arbeitete, aber es ergaben sich immer spannende Gespräche mit ihm. So auch heute. "Polizei tappt immer noch im Dunkeln" titelte das Boulevard-Blatt. Das Manager-Magazin hatte ein grosses Bild des ermordeten Finanzmannes auf der Titelseite. Der Titel da lautete aber ganz anders "Würdigung der Verdienste eines ungewöhnlichen Mannes". Sie erinnerte sich an das Gespräch am Samstag mit Emma und fragte Matthias direkt, was er denn von dem Fall halte. Matthias gab sich zurückhaltend, liess aber erkennen, dass er sich mit dem Thema näher beschäftigt hatte. Denn auch er habe in Produkte seiner Firma angelegt und ihm vertraut. Und er vertraue ihm immer noch und sei umso überraschter, dass in der Boulevard-Zeitung etwas von "Unregelmässigkeiten in der Geschäftsführung" berichtet wurde. „Ehrlich gesagt kann ich mir das nicht vorstellen, denn ich habe Pierre als vertrauenswürdigen Geschäftsmann kennengelernt, der die absolute Transparenz als oberste Leitlinie angesehen habe.“ Auch seien seine Gelder durch Pierre an die richtigen Orte gelangt und hätten vielen Menschen in ärmeren Ländern geholfen. „Das habe ich mit eigenen Augen gesehen, denn über alle Projekte, die von meinem Geld profitieren, wird im Internet ausführlich berichtet. Was soll denn da schon schieflaufen?“ Ein Projekt in Südamerika habe er sogar mal selber besucht. Die Argumente ihrer Freundin Emma, die Ida nun vertrat, liess er nicht gelten. Es gebe sicherlich Gangster in der Finanzbranche, aber in diesem neuen und nachhaltigen Markt hätten diese keine Chance, da ja alles transparent sei. Ida ahnte langsam, dass das Wort Transparenz in diesem Zusammenhang etwas anderes bedeutet als die transparente Haushaltsfolie. Die Frage nach der genauen Bedeutung beantwortete Matthias gerne: „Transparenz heisst hier, dass du genau siehst, wohin das Geld fliesst. Über jeden Franken wird Buch geführt und die Buchhaltung ist öffentlich zugänglich auf dem Internet.“ „Das wäre wie, wenn du die Buchhaltung deines Kiosks im Internet veröffentlichst und jeder sehen würde, wie viel du verkaufst, wie viel Miete und Steuern du zahlst und welchen Lohn du verdienst“, versuchte ihr Matthias weiter zu erklären. Ida war erstaunt: „Auf das kann ich aber gut verzichten, sonst ist der Tratsch im Quartier ja geradezu lanciert, stell dir mal vor, wie mich zum Beispiel die Petra dann lächerlich machen würde…“ So etwas konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen und dachte bei sich, dass sie das mit ihrem Mann, der ja schliesslich Buchhalter war, einmal diskutieren müsste. Kunming, Büro des Sicherheitschefs. Nach der einschüchternden Eingangsfrage im Büro des Sicherheitschefs der Elektronik-Firma bekam Helen schon etwas das Schaudern. Doch sie konterte rasch und machte den Sicherheitschef aufmerksam, dass sie in der Finanzbranche arbeite und auf der Suche nach dem verschwundenen Auditor sei. „Warum aber treiben Sie sich dann in unseren Fabrikhallen herum? Verdächtigen sie uns, am Verschwinden dieses Herrn beteiligt zu sein?“, fragte der Sicherheitschef in einem schneidenden, spürbar verärgerten Ton. „Für wen halten sie sich eigentlich, dass sie hier ohne Erlaubnis herumschnüffeln.“ - musste Helen sich in einem noch schärferen Ton anhören. „Zeigen Sie mir mal ihren Ausweis und ihre Visitenkarte!“. Er sagte dies mit einem heftigen Ärger im Gesicht, sodass Helen keinen anderen Ausweg sah, als ihn direkt damit zu konfrontieren, dass der Auditor am besagten Tag vor dieser Fabrik ausgestiegen und seither nicht mehr gesehen worden sei. Da liege doch der Verdacht nahe .... Der Sicherheitschef wurde noch wütender. Bei Helen gingen die Alarmglocken im Kopf an, als sie die Reaktion auf ihre Bemerkung sah und packte sofort ihren Pass und ihre Visitenkarte aus ihrer Bürotasche. Mit einem schneidenden „daher“ befahl der Chef seinem Untergebenen die Daten zu prüfen und das Internet nach dieser verdächtigen Person abzusuchen. „Welches Interesse haben Sie eigentlich an diesem Fall?“ - der scharfe Tonfall liess Helen ein weiteres Mal erschaudern. Die Geschichte, dass sie einen Freund suche, wurde von ihrem Gegenüber schlichtweg nicht geglaubt. Und Helen dachte innerlich, dass dies ja auch nicht die volle Wahrheit war, denn sie hatte durchaus auch vitale Interessen ihrer Kunden zu vertreten. „Sie vertreten doch die Finanzindustrie“ nahm er ihre Gedanken auf und fragte, ob sie von einem ihrer Investoren mit der Recherche beauftragt wurde oder ob die Konkurrenz dahinterstehe, was er persönlich glaube. In diesem Moment klopfte es an der Türe. Koh Kah, im Palmengarten. Marvin genoss es, wieder einmal in dem wunderschönen Palmen-Garten zu flanieren und die verschiedensten Pflanzen und Tiere zu sehen. Für ihn war das der schönste Garten seiner Art in Südost-Asien, denn Chang hatte mehr als 25 Jahre den Garten gepflegt und viel Liebe hineingesteckt. Die Vielfalt der Tiere in diesem Paradies begeisterte ihn wieder aufs Neue. Gerade sah er einen Waran, wie die bis 3 Meter grossen Zeitgenossen genannt wurden, die irgendwie an ein Krokodil, einfach ohne lange Schnauze, erinnerten. Oder aber auch an eine Schlange auf 4 Füssen. Viele der Touristen hatten im ersten Momente Angst vor ihnen, denn es gab ja tatsächlich auf den indonesischen Komodo-Inseln Exemplare, die ziemlich gefährlich seien, wie er gehört hatte. Doch hier waren sie eher wie Haustiere, die täglich vor dem Bungalow im gemächlichen Tempo durchmarschierten. Inspiriert fand er zu Chang: „Ich habe nur einmal erlebt, wie fuchsteufelswild diese werden können, als eines der Exemplare unbeabsichtigt in mein Badezimmer gelaufen war und dort nicht mehr wusste, wie es dieses verlassen konnte. Es war nicht einfach, das Tier wieder hinaus zu manövrieren.“ Chang nickte, denn er kannte solche Situationen auch. Trotzdem liebte Marvin diese schon fast prähistorischen Tiere. Auch die kleinere Version davon, die die Einheimischen "Tokeh" nannten, hatte er ins Herz geschlossen. Diese waren selten zu sehen, so gut versteckten sie sich im Gebälk der Häuser, doch nachts waren die Männchen gut zu hören, denn sie schrien, um ihre Weibchen anzuziehen, in regelmässigen Abstand eben "Tokeh", was ihnen auch den Namen gab. Für die Thais bedeutete ein Tokeh im Haus zu haben, das sie Glück haben werden, so der Aberglaube. Auch dazu fiel Marvin eine Geschichte ein, die er Chang erzählte: „Einmal befreiten wir einen Tokeh vor einer der 'fliegenden' Schlangen, die diesen fast erwürgte.“ Die Schlangen flogen zwar nicht wirklich, sondern liessen sich einfach gleiten, konnten aber in der Luft 180 Grad Wendungen machen und so einen Tokeh überraschen. „Den dankbaren und süssen Blick des Tokehs nach seiner Befreiung werde ich nicht mehr so schnell vergessen“, erinnerte sich Marvin. In diesem Moment klingelte sein Telefon und er dachte schon, dass ihm Helen Bericht erstatten würde, doch hatte er Judith Vonlanthen am Apparat. Diese erzählte ihm, was sie gestern von Rainer Meister erfahren hatte und erwähnte auch die unterschiedlichen Bewertungen der Careful Investment Gruppe. „Doch was hat das mit dem Fall zu tun? Es wird ja wohl kein Geschäftsführer ermordet, weil es unterschiedliche Ratings gibt“, wandte Marvin ein. „Die Unterschiede erstaunen mich einfach, vor allem nun nach dieser Tat“, antwortet ihm Judith, „Das kein Telefon abgenommen wurde in Thailand, scheint ja hingegen nach deinen Abklärungen kein Wunder zu sein, wenn es dieses Unternehmen gar nicht gibt.“ „Aber es ist doch ziemlich erstaunlich, dass in Pierres Unternehmen ein nicht existierender Geschäftssitz gelistet wird, über den doch zahlreiche Geschäfte abgewickelt wurden. Wie ist es denn möglich, dass Pierre nichts davon gemerkt hat?“ „Vielleicht war es ihm ja bewusst, denn die Reaktion auf meine Frage an ihn zeigte ja, dass er dem Geschäftsführer nicht mehr vertraute“, mutmasste Judith. „Nun, ich bleibe auf jeden Fall an der Sache dran und werde Dich weiter informieren“, schloss Marvin das Gespräch. Er schaute sich um und nahm wahr, dass er sich eigentlich im Paradies befand. Zahlreiche Vögel und Schmetterlinge zeugten nach wie vor davon, dass hier die Natur noch in Ordnung war. Doch zeugten die Affen auch davon, dass dies nicht mehr lang der Fall sein würde. „Diese kommen immer näher zum Menschen und haben schon vor einigen Jahren damit begonnen, die Bungalows zu 'überfallen'. Sie werden zur echten Plage“, führte Chang aus. Leider wurde der Primärwald auch auf dieser Insel extensiv abgeholzt, um Naturkautschuk anzubauen. Dies war der Wirtschaftszweig, der die meisten Arbeitsplätze hier brachte, nachdem die Fischer schon lange nichts mehr fangen konnten. Und dies war der Grund, wieso die Makaken (die hier lebende Art der Affen) ihren Lebensraum verloren und dem Menschen immer näher rückten und dadurch die eigentlich natürliche Scheu verloren. Anscheinend gehörte das Thema zu einem der Lieblingsthemen von Chang und so hörte Marvin weiter: „Intelligent wie diese Affen sind, haben sie schnell gelernt, wie man in Häuser eindringt und schicken ihre Kleinkinder vor, um allfällige Lebensmittel zu stehlen.“ Denn kleine Affen passten durch die kleinen Lücken der nicht komplett geschlossenen, typisch thailändischen Häuser. Da die Insel muslimisch ist, halten ihre Bewohner keine Hunde, die sie vertreiben konnten. So war die Plage perfekt. „Schiessen dürfen wir diese Tiere aufgrund eines Gesetzes immer noch nicht, obwohl dies sinnvoll wäre“, ereiferte sich Chang, „Einzig den Touristen würde dies wohl nicht so gefallen, denn die finden die Tiere ja immer 'so süss'.“ Nach dem Gespräch machte Marvin einen Spaziergang zum Süden der Insel. Da war die Welt noch in Ordnung. Immer noch war an dem vier Kilometer langen Naturstrand im Süden nur ein Haus eines thailändischen Schauspielers zu finden und der war nur selten da. Natur pur, Mangroven, alte Bäume und Felsformationen säumten den Strand und auf der rechten Seite ging der Blick zur benachbarten, etwas touristischeren Insel Koh Jum. Er genoss den Spaziergang sichtlich auch in Erinnerungen an gute alte Zeiten - doch wunderte er sich je länger, je mehr, dass Helen sich nicht zurückmeldete. Denn schon längst sollte sie zurück aus der Fabrik sein und die Resultate interessierten ihn brennend. Zürich, Kriminal-Kommissariat. Rahel Staehli las den Artikel der Boulevard-Zeitung und konnte sich schon vorstellen, dass in Kürze ihr Vorgesetzter sie anrufen würde. Denn, dass die Polizei im Dunkeln tappt, ist nicht gerade die Schlagzeile, die er schätzte. Doch las sie natürlich auch die anderen Zeitungen und das Wirtschafts-Magazin, das Ida und Matthias zuvor in den Händen gehabt hatten. Dieses würdigte die Arbeit von Pierre Thonon als vorbildlich, sein Engagement als aussergewöhnlich und seine Person als liebenswürdig. Viele betrauerten den Tod ihres Arbeitskollegen. Selbst die Konkurrenz hielt